PsychologieWer liest, der fühlt

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Geschichten zu lesen, fördert soziale Kompetenzen.
Geschichten zu lesen, fördert soziale Kompetenzen. Anastasiya Amraeva/IMAGO/Westend61
  • Eine neue Übersicht zeigt, dass Romane lesen Empathie, Wortschatz und Wohlbefinden fördert.
  • Besonders Menschen mit wenigen Kontakten und bildungsfernen Eltern profitieren von den sozialen Kompetenzen durch Lesen.
  • Die gemessenen Effekte sind klein und zeigen sich nur bei regelmäßigen Lesern, wobei Ursache und Wirkung oft unklar bleiben.
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Romane fördern Empathie, Wortschatz und Wohlbefinden, zeigt eine neue Studie. Eine Gruppe von Lesern profitiert besonders.

Von Sebastian Herrmann

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Eine Schale mit Haferbrei stand jedem der Jungen zu, eine Schale und nicht mehr. Der Löffel, den es dazu gab, hatte fast die gleiche Größe wie der Napf selbst, mehr als ein paar Bissen gab es nicht. Die Kinder kratzten stets jedes Fitzelchen Nahrung aus ihren Schalen, sodass diese kaum gespült werden mussten. Nach drei Monaten Hunger und Elend trat der schmächtige Oliver schließlich vor den Aufseher, der die Speisung der Waisenkinder überwachte, streckte ihm seinen leeren Napf entgegen und sprach diesen berühmten Satz: „Bitte, Sir, ich möchte etwas mehr.“ Der Aufseher reagierte fassungslos, welche Dreistigkeit, schlug den Jungen mit der Suppenkelle und sorgte für weitere Bestrafungen durch die Leitung des Waisenhauses, das den Neunjährigen schließlich zum Verkauf anbot.

Die Szene stammt, natürlich, aus dem Roman „Oliver Twist“ des britischen Schriftstellers Charles Dickens; und wer keinen Kloß im Hals bekommt angesichts der Ungerechtigkeit, die den hungernden Oliver trifft, der dürfte auch sonst ein Mensch mit einer Seele aus Stein sein. Geschichten, Romane, Literatur jedenfalls verfügen über die Macht, tiefe Gefühle auszulösen. Wer liest, der fühlt, der fühlt mit den anderen, der begibt sich in die Haut der Protagonisten, leidet mit ihnen, freut sich mit ihnen und verbringt gemeinsam ein Stückchen Lebenszeit. Romane hinterlassen Spuren in ihren Lesern, Erinnerungen, klar, aber auch andere, nüchtern zu beschreibende Effekte, wie gerade Psychologen um Raymond Mar von der York University im Fachblatt Current Opinion in Psychology berichten.

Die Wissenschaftler haben für ihren Übersichtsartikel die Studienlage zur Wirkung von fiktionalen Stoffen auf Leser zusammengetragen. Seelennahrung in Form von Romanen, so eine der zentralen Erkenntnisse, erleichtere die Fähigkeit, mit anderen zu fühlen und deren Perspektiven einzunehmen. Geschichten zu lesen, so schreiben die Psychologen, fördere generell soziale Kompetenzen. Und das offenbar besonders unter Lesern, die wenige Kontakte haben und in eher bildungsfernen Elternhäusern aufgewachsen sind. Auch Wortschatz und Sprachvermögen verbessern sich unter habituellen Lesern. Das ist natürlich kaum eine Überraschung: Wer liest, konfrontiert sich schließlich mit Sprache. Offenbar aber gilt dieser Effekt vor allem für Fiktion und weniger für Sachbücher.

Die Lust am Lesen korreliert zudem mit einem erhöhten Wohlbefinden, einem im Vergleich zu Nicht-Lesern längeren Leben sowie einem komplexeren Blick auf die Welt und einer erhöhten Neigung zu prosozialem Verhalten. Das klingt sagenhaft, muss natürlich aber mit Einschränkungen serviert werden. Die gemessenen Effektstärken zu den Auswirkungen des Romanelesens sind in aller Regel klein und zeigen sich auch nur bei Menschen, die gerne und regelmäßig lesen. Zudem sei oft nicht klar oder lasse sich nicht sauber trennen, was Ursache und Wirkung sei, so die Psychologen: Vielleicht lesen grundsätzlich empathische und gesunde Menschen einfach mehr? Wer weiß. Wer es liebt zu lesen, dem wird das eh egal sein, der dürfte eher regelmäßig bei seinem Buchhändler auftauchen und sagen: „Bitte, Sir, kann ich mehr haben?“

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