TokioDer Herr der Blumen

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Der Blumenkünstler Nicolai Bergmann in seinem Flagship Store in einem schicken Einkaufsviertel von Tokio. Am liebsten steht er immer noch selbst im Laden, kommt aber selten dazu.
Der Blumenkünstler Nicolai Bergmann in seinem Flagship Store in einem schicken Einkaufsviertel von Tokio. Am liebsten steht er immer noch selbst im Laden, kommt aber selten dazu. David Pfeifer
  • Nicolai Bergmann wanderte mit 20 Jahren von Dänemark nach Japan aus und wurde dort zum internationalen Star der Floristik mit sieben Läden in Japan sowie Geschäften in Seoul und Kopenhagen.
  • Seine berühmten "Flower Boxes" entstanden zufällig aus einem nicht erhaltenen Prada-Auftrag und machten ihn weltbekannt, heute macht er etwa 13,5 Millionen Euro Gewinn pro Jahr.
  • Bergmann beschäftigt weltweit mehr als 200 Mitarbeiter und verbringt 70 Prozent seiner Arbeitszeit mit Administration, obwohl er am liebsten selbst Blumensträuße in seinem Tokioter Flagship Store zusammenstellt.
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Nicolai Bergmann ist ein Meister der Floristik. Mit 19 Jahren wanderte der Däne nach Japan aus und erobert von dort aus die Welt.

Von David Pfeifer, Tokio

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Nicolai Bergmann hat vermutlich den schönsten Job der Welt, und den schönsten Arbeitsplatz dazu. Was daran liegen kann, dass er sich den Job selbst ausgedacht und den Arbeitsplatz selbst dekoriert hat. Nun steht er im ersten Stock des Nicolai Bergmann Flowers & Design Flagship Store in Tokio und stellt ein üppiges Blumenbouquet zusammen, während ihm 22 Frauen und ein Mann andächtig zusehen und zuhören.

Nicolai Bergmann, 50, ist ein internationaler Star der Floristik, er betreibt mittlerweile nicht nur sieben Läden in Japan, sondern auch einen in Seoul und einen in Kopenhagen, von dem aus seine Kreationen frisch sogar bis nach Deutschland geliefert werden. Unten in seinem Flagship-Store leuchten überaus üppige Bouquets in allen Farben und zu jedem Preis. Dazwischen stehen seine „Flower Boxes“, die Blumenkisten, die ihn berühmt gemacht haben.

Die Arrangements beginnen bei 30 Euro und hören bei 3000 Euro nicht auf. Die Gegenwand in dem Café, das in den Shop integriert wurde, ist dicht mit Moos dekoriert. Natur macht den Blumenkünstler zufrieden und froh, so erzählt Bergmann es später im Gespräch. Erst mal aber wollen die 23 Kundinnen im ersten Stock zufriedengestellt werden, die seinen Workshop besuchen, um vom Meister zu lernen, wie man derartig dichte und gut gelaunte Bouquets selbst zusammenstellen kann.

Sie hören zu, während Bergmann mit einem gelassenen Lächeln, in T-Shirt und Designer-Turnschuhen, ein zweites Bouquet neben dem Mustergesteck anfertigt, das dem ersten bis aufs Gras gleicht. Das Ganze dauert bei ihm handgestoppt nur 15 Minuten, und man möchte wirklich gleich selbst loslegen, so freudvoll und leicht wirkt es.

Während die Tokioter Damen beginnen, die Blumen mit kurzen Scheren zu beschneiden und in das vorbereitete Steckmoos zu pflanzen, blickt Bergmann in seinen Laptop. Er ist schon lange kein reiner Blumenkünstler mehr, sondern Geschäftsmann. Mehr als 200 Menschen arbeiten mittlerweile weltweit für ihn, „ich nehme mir jedes Jahr vor, wieder selbst mehr mit Blumen zu arbeiten, weil mich das glücklich macht. Aber jedes Jahr scheitere ich“.

Der Meister bei der Arbeit: Nicolai Bergmann fertig ein zweites Bouquet an, um den Teilnehmerinnen seines Wirkshops zu zeigen, wie es geht. Das dauert nur etwa 15 Minuten.
Der Meister bei der Arbeit: Nicolai Bergmann fertig ein zweites Bouquet an, um den Teilnehmerinnen seines Wirkshops zu zeigen, wie es geht. Das dauert nur etwa 15 Minuten. David Pfeifer/David Pfeifer

Derzeit taxiert er den Anteil, der in langen Arbeitstagen für Administration draufgeht, auf 70 Prozent. Nun aber federt er froh gelaunt an den Werkbänken vorbei, an denen die Bouquets wachsen, gibt hier einen Tipp, schnippelt dort eine Hortensie zurecht. Die Stimmung ist heiter, man kennt sich. Eine der Kursteilnehmerinnen kommt seit 18 Jahren immer wieder, so lange gibt es den Laden in Omote-Sando schon, so nennt sich die Tokioter Shopping-Meile, an der eine Designerboutique an die nächste stößt, die meisten davon in atemraubender Architektur präsentiert. Bergmann hat sich die Nähe zu den großen Luxusmarken bewusst ausgesucht, seine Kreationen sind nicht einfach Blumensträuße, sie werden präsentiert wie Schmuck oder edle Handtaschen.

Nicolai Bergmann war noch keine 20 Jahre alt, als er 1996 zum ersten Mal nach Japan flog, um das Land zu bereisen und Praktika bei Floristen zu machen. Sein Vater war Blumengroßhändler, der junge Nicolai wusste bereits mit 15 Jahren, was er werden wollte. Zurück in Dänemark, arbeitete er in einem kleinen Blumenladen in einer kleinen dänischen Stadt, etwa 30 Autominuten von Kopenhagen entfernt. „Plötzlich wurde mir klar, was für ein großes Land Japan ist – und welche Möglichkeiten dort warten.“ Er erzählt es wie ein Erweckungserlebnis.

Also zog er nach Japan, ohne ein Wort Japanisch zu sprechen. Er arbeitete ein Jahr lang bei einem Floristen, wechselte zu einer größeren Firma, baute seine ersten Läden auf, vor allem dekorierte er sie mit seinen eigenen Kreationen, das war damals völlig unüblich. „Ein typischer Blumenladen war ein Geschäft mit Blumen in Wassereimern und in Kühlschränken, aus denen man sich als Kunde etwas wünschen konnte, so ist es heute noch häufig.“

Bergmann aber vertraute auf seine Kreationen, „die meisten Menschen wissen ja nicht unbedingt, was sie wollen, bevor sie es sehen“. Also ließ er seiner Fantasie freien Lauf und wurde rasch erfolgreich damit. Dass er ausgerechnet in Japan zum Star wurde, wo strenge Linien und Schlichtheit das ästhetische Nonplusultra darstellen, in der Mode, in der Architektur und der Inneneinrichtung, wirkt wie ein Widerspruch. Vielleicht aber ist es folgerichtig.

Penible Auslage: Die Präzision seiner Kreationen begeistert auch die strengen Japaner.
Penible Auslage: Die Präzision seiner Kreationen begeistert auch die strengen Japaner. David Pfeifer/David Pfeifer

Die Entwürfe von japanischen Architekten wie Kengo Kuma, Tadao Ando oder Shigeru Ban, die Bergmann alle sehr verehrt, vertragen durchaus etwas Farbe und Üppigkeit. Bergmann selbst hat natürlich auch Ikebana gelernt, als er in Japan anfing, die traditionelle, minimalistische Blumenkunst, in der es um Linien und Formen und ihr Verhältnis zueinander geht, „aber ich war mit einem Gesteck nach fünf Minuten fertig und habe gefragt: Und was machen wir jetzt?“

In seinem Kopf müssen sich die Dinge ständig zu einem ästhetischen Gesamtbild fügen. Wenn er ein Hotel betritt, wo er die Lobby mit Blumen verschönern soll, kann er nicht anders, als sich auch darüber Gedanken zu machen, wo die Rezeption besser stehen würde, wie das Licht fällt und wie gut die Gastbehandlung funktioniert. „Meine Frau macht sich über mich lustig, dass es wie ein Leiden sei, dass ich immer alles im Raum sehe, auch was mich stört.“

Er ist mit einer Japanerin verheiratet, das Land ist seine Heimat geworden. Aber es dauerte ein paar Jahre. Als er sich nach sieben Jahren in Japan schließlich selbständig machen wollte, musste er erst mal seinen eigenen Namen als Marke zurückkaufen, „so blöd war ich damals, dass ich den einfach hergegeben hatte“. Doch in diese Zeit fällt auch das zweite Erweckungserlebnis, das ihn in seinem Metier zum Star gemacht hat: die Blumenboxen. Auch das erzählt Bergmann wie die Erinnerung an einen sehr realistischen Traum.

Eine PR-Lady kam im ersten Laden vorbei, den er selbst genau so dekoriert hatte, wie er es wollte, und fragte ihn, ob er eine Idee für etwa 600 Geschenke habe, die man nach einer Prada-Fashion-Show an die Zuschauer ausgeben könne – es müsse schnell gehen und stapelbar sein. Bergmann laborierte an kleinen Gestecken herum, kaufte Schachteln und noch mehr Schachteln, bis er 600 zusammenhatte – nur leider bekam er am Ende den Auftrag nicht. Da die Schachteln aber nun mal da waren, machte er Bouquets dafür und stellte zwei davon in sein Schaufenster, „das war das erste Mal, dass jemand in den Laden kam und fragte, was man damit denn machen soll? Das fragt sonst kein Mensch bei einem Blumenstrauß“.

Mit den Blumenboxen wurde Nicolai Bergmann berühmt, sie machen heute immer noch einen großen Teil seines Umsatzes aus, dabei musste er die ersten 600 auf eigene Rechnung produzieren.
Mit den Blumenboxen wurde Nicolai Bergmann berühmt, sie machen heute immer noch einen großen Teil seines Umsatzes aus, dabei musste er die ersten 600 auf eigene Rechnung produzieren. David Pfeifer/David Pfeifer

Kurz darauf kamen die ersten Magazine, von Hochglanzzeitschriften bis zum Bastelheft, „mehr als 500 Artikel gab es zu den Flower Boxes“, erinnert sich Bergmann. Schließlich kam das Fernsehen und immer mehr, immer größere Aufträge, aus Japan und dem Rest der Welt. Seine Blumenboxen haben alles geändert, wie Bergmann sagt. Etwa eineinhalb Millionen hat er mittlerweile davon verkauft. Darüber hinaus aber stattet er viele Marken der LVMH-Gruppe mit aufwendiger Blumendekoration aus, unter anderem 23 Louis-Vuitton-Läden allein in Japan.

Daneben betreibt er die „Hakone-Gärten“, eine Art Freizeitpark für Blumen- und Pflanzenliebhaber in der idyllischen Kleinstadt Hakone, westlich von Tokio gelegen. Bei Touristen beliebt wegen der Nähe zum Berg Fuji und der Onsen, der heißen Thermalquellen. „Dort gibt es immerhin eine Nicolai-Bergmann-Bushaltestelle, das sehe ich als persönliche Errungenschaft“, sagt Bergmann und lacht, als könne er es selbst nicht ganz glauben.

Während die Gestecke in seinem Workshop sich unterschiedlichen Stadien der Perfektion nähern, zeigt er dem Reporter noch seine Fotobände. In ihnen dokumentiert er die alle paar Jahre wiederkehrenden Blumen-Ausstellungen, die er in einem Tempel gestaltet. Festgehalten nur auf diesen Fotos, die er selbst produzieren und hochwertig drucken lässt, kein Verlag würde das in dieser Qualität bezahlen wollen.

Seine Kunstwerke für den Moment, die in den Bildbänden versammelt sind, halten nur einige Tage, das ist der Nachteil an seinem Metier. Doch auch in diesem Prozess sieht Bergmann Schönheit, „das Verwelken gehört dazu, es macht die Sache besonders“. Er mache sich selbst nie Skizzen, sagt der Blumenkünstler noch, während seine Assistentinnen die Gestecke der Teilnehmer in dickwandige Tüten packen, die sie anschließend mit nach Hause nehmen dürfen.

„Ich mag es am liebsten, mir unter einem gewissen Zeitdruck etwas auszudenken, mit dem Material, das eben zur Verfügung steht.“ Seine Eindrücke holt er sich aus der Natur, er mache irre viele Fotos von allen möglichen Dingen, dazu sammelt er alte Magazine. „Häufig gehe ich in ein Museum, ohne zu wissen, wer da gerade gezeigt wird.“ Dort betrachte er nicht nur die Kunst, sondern auch den Raum, die Atmosphäre. Sein Lieblingsmuseum ist das Louisiana-Museum für Moderne Kunst in seiner alten Heimat Dänemark, „eines der fünf schönsten Museen der Welt, wenn nicht das schönste“.

Auch die Fahrten morgens um sieben Uhr zum Einkauf auf den Tokioter Blumenmarkt, den weltweit zweitgrößten nach dem in Aalsmeer, in Holland, gehörten mal zu seiner Inspiration. Doch die Zeiten sind vorbei, die Auktionen laufen heute online, Bergmann bedauert das fast ein wenig. Am liebsten steht er immer noch hinter dem Tresen in seinem Laden in Omote-Sando, „meine Leute müssen immer damit rechnen, dass der König erscheint“, sagt Bergmann mit einem Lächeln, das es dem Betrachter überlässt, wie ernst man es nehmen soll.

Neben den fertigen Sträußen und Boxen, die jeden Tag aus seinem Design-Studio nahe dem Flughafen Haneda geliefert werden, wo allein mehr als 60 Leute arbeiten, kann man sich hier im Store individuelle Gebinde zusammenstellen lassen. Es sei erstaunlich, so Bergmann, wie viele Menschen das immer noch wollen: selbst den Strauß bestimmen. Sein Trick sei, den Kunden etwas Schönes zu machen und ihnen dabei das Gefühl zu geben, es sei ihre Idee gewesen.

Es gibt auch praktische Tipps in seiner „Flower Friday“-Serie auf Instagram, sehr erfolgreich und kostenlos. „Es ist mir im Leben bisher noch nie um Gewinn gegangen“, sagt er. Alle seine Mitarbeiter würden darauf geschult, nicht etwa Umsatz zu machen, sondern Perfektion herzustellen. Jeder seiner Läden muss tipptopp aussehen, auch die Ansprache müsse stimmen. „Ich will, dass die Menschen gerne zu mir kommen“, sagt Bergmann und lässt den Arm einmal durch seinen Flagship-Store kreisen, „Der Verkauf kommt dann von selbst.“

Und einen letzten Tipp für Blumenkäufer hat er auch noch. „Wenn Sie zum Floristen gehen, egal ob zu mir oder anderswo, geben Sie einen Hinweis, für wen der Strauß sein sollte, aber sonst: Vertrauen Sie dem Künstler. Der hat sich meistens schon viele Gedanken darüber gemacht.“

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