Deutsche Mode„Ich mach’ einfach“

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Nick Pricksack

Can Demirezen aus Mönchengladbach schafft mit seinem Modelabel Midnight das, was sich viele Marken wünschen: über Kleidung eine Community aufzubauen.

Von Silke Wichert

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Die Hochhaussiedlung „Zur Burgmühle“ in Mönchengladbach-Odenkirchen ist das, was man in Deutschland „Problem-Wohnanlage“ nennt. Jugendkriminalität, Drogenhandel, Prostitution, angeblich passiert hier das volle Programm, und wenn in den Lokalzeitungen dann mal wieder das Bild von den weiß-grünen Türmen abgebildet ist, sieht man auf einer Wand davor auch dieses Graffiti mit dem Schriftzug „Midnight“. Can Demirezen hat es 2017 dort hingesprüht. Er ist hier aufgewachsen, die Leute kennen ihn, deswegen würden die Buchstaben nicht übermalt, meint er. Gerade die Jugendlichen aus der Gegend sehen darin nicht mehr nur das englische Wort für „Mitternacht“, sondern vor allem ein Streetwear-Label, das nicht aus New York, Paris oder Berlin kommt, sondern aus ihrem „fucking“ Odenkirchen. Und das, anders als die meisten Sachen, die von hier kommen, trotzdem Erfolg hat.

Can Demirezen vor dem Graffiti, das er vor Jahren an eine Wand in der Mönchengladbacher Hochhaussiedlung gesprüht hat.
Can Demirezen vor dem Graffiti, das er vor Jahren an eine Wand in der Mönchengladbacher Hochhaussiedlung gesprüht hat. Ole Nellen/solebox

„Crazy, echt crazy“, seien die letzten Monate gewesen, sagt Demirezen und will gleich loserzählen. Dann stoppt er sich kurz und fragt vorher lieber noch mal nach, ob es okay sei, wenn er „Slang“ rede. Er will ja verstanden werden, außerdem nicht unhöflich oder ungehobelt rüberkommen. Nur weil man von ganz unten kommt, muss man ja nicht so auftreten. Jedenfalls sieht er das mittlerweile so. Demirezen sitzt in einem schmucklosen Berliner Hotel gegenüber dem Naturkundemuseum. Er trägt mittellange Haare, Schnauzer, viele Silberringe an den Fingern, eine schwarze Bomberjacke aus der eigenen Kollektion und eine Baseballkappe, deren Logo er mit einem „Midnight“-Aufkleber überdeckt hat. Crazy waren die vergangenen Monate also, weil er eine Kooperation mit der Uhrenmarke Casio hatte, die zweite schon mit der britischen Schuhmarke Clarks, für den Onlinestore Solebox gestaltete er einen Puma-Schuh und – darauf ist er besonders stolz – er hat ein Trikot für den Bundesligaverein Borussia Mönchengladbach entworfen, das im August in den Fanshop kommt. „Ich bin ja wirklich selbst Fan“, sagt Demirezen. Dauerkarte seit zehn Jahren. „Die vom Klub sind auf mich aufmerksam geworden, weil ich T-Shirts und Sweatshirts mit dem Football-Klub Detroit Lions gemacht habe, und fragten dann, ob ich mir nicht etwas Ähnliches für die Borussia überlegen will. Wo ich doch hier herkomme. Da habe ich die angeguckt und gesagt: Ich kann euch eine Mail von vor drei Jahren zeigen, wo ich euch genau das vorgeschlagen habe. Da hat aber niemand von euch geantwortet.“ Jetzt sind sie auf ihn zugekommen, sowieso besser.

Seit zehn Jahren Dauerkarte und plötzlich wird er vom Club angesprochen, ob er nicht mal was „entwerfen“ könne:  der Midnight-Merch für Borussia Mönchengladbach für die neue Saison.
Seit zehn Jahren Dauerkarte und plötzlich wird er vom Club angesprochen, ob er nicht mal was „entwerfen“ könne:  der Midnight-Merch für Borussia Mönchengladbach für die neue Saison. Nick Pricksack

Demirezen bezeichnet sich nicht als klassischen Designer, würde er nie tun, weil er ja kein Modedesign studiert hat. Er entwirft auch keine kompletten Kollektionen, sondern verkauft über Pop-up-Shops und seine Website sogenannte „Drops“. Das sind limitierte Editionen, mehrheitlich Streetwear mit Prints, die er selbst gestaltet und eigenhändig per Siebdruck aufträgt, Blousons mit seinem Logo hintendrauf. „Ich mach’ einfach“, sagt er häufiger im Gespräch und wählt dann einen Vergleich, der etwas ambitioniert ist, das weiß er selbst, aber er bringt ihn trotzdem, weil es ihm an Ambitionen wirklich nicht mangelt und er gern ein wenig provoziert. „Manche nennen mich den Virgil Abloh aus Deutschland. Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, aber zumindest wäre ich das gern für die Szene hier“, sagt er. Abloh, der in den Zehnerjahren mit seinem Label Off-White bekannt wurde und später von Louis Vuitton engagiert wurde, galt als eine neue Art von Designer. Ohne formale Modeausbildung sprengte er mit seinem kollaborativen Ansatz Grenzen in der Luxusbranche und avancierte als Schwarzer zur Identitätsfigur für die Kids auf der Straße. Sein Label war zeitweise mehr Bewegung und Glaubensfrage als Modemarke, die Leute drängten sich vor seinen Shows wie bei Popkonzerten. „Ich will auch Türen öffnen, vor allem für People of Color und ihnen sagen: Schaut her, ich habe mit zehn Euro angefangen, davon Fruit-of-the-Loom-Hoodies gekauft, mein Logo draufgemalt und sie für einen ‚Drissi‘ an der Hochschule Niederrhein weiterverkauft. Wenn du dranbleibst, kannst du es schaffen, egal, woher du kommst und wie viel Geld du von zu Hause hast.“

Er selbst wurde als Sohn türkischer Einwanderer in Mönchengladbach geboren, das genaue Jahr will er nicht nennen, aber mit vier hätten seine Eltern ihn „ausgesetzt“. Abgestellt vor der Tür seiner Oma, Rücknahme ausgeschlossen. Fortan lebte er in einer kleinen Wohnung an der Hochhaussiedlung Burgmühle und wuchs mit zweien seiner Onkel auf, die Demirezen nur „meine Brüder“ nennt. Die Oma war Näherin bei der Hosenfirma Brax, später dann stolze Büdchenbesitzerin. „Eine echte Powerfrau, echt smart, echt kreativ“, sagt der Enkel bewundernd. Aber als Teenager kapierte er das noch nicht, es gab Streit, „typische Generationenkonflikte und so“. Irgendwann zog er aus, schmiss die Schule. „Ich war in jedem Fall gewaltbereit, habe mich viel geschlagen“, erzählt Demirezen. Aber nach ein paar Jahren kriegte er die Kurve und holte seinen Realabschluss mit Zusatzqualifikation nach, um an der Hochschule Niederrhein Wirtschaftsinformatik zu studieren. Kürzlich hat er seinen Abschluss gemacht. Doch schon im zweiten Semester habe das mit den bedruckten Hoodies angefangen und sei dann immer weitergegangen und größer geworden. Den ganzen Tag im Büro zu sitzen, „dafür wäre ich sowieso nicht der Typ“, meint er. „Trotzdem bin ich jetzt der Erste aus meiner Familie mit Hochschulabschluss.“ Darauf ist er stolz, das ist ihm wichtig. Auch weil er findet: „Deutschland bietet Jungs wie mir zwei Rollen an: Rapper oder Krimineller. Ich habe mir eine dritte genommen – und die trägt man jetzt überall.“

Für den Retailer Solebox entwarf der Designer einen Puma-Schuh mit Fell an den Fersen.
Für den Retailer Solebox entwarf der Designer einen Puma-Schuh mit Fell an den Fersen. Ole Nellen/solebox

Bei Midnight geht es schon auch ums Design, aber Kleidung ist hier vor allem ein Vehikel für Gemeinschaft, für ein Lebensgefühl, mit dem sich die „Community“ identifizieren kann. Wobei das Wort in den vergangenen Jahren ein bisschen überstrapaziert wurde in der Marketingsprache. In den Neunzigern hatte allenfalls ein Label wie Supreme eine Community, weil dort die Skater nicht unbedingt zum Kaufen in den Laden kamen, sondern in erster Linie zum Abhängen. Der Laden war ein Treffpunkt für Gleichgesinnte. Heute gilt die Londoner Marke Corteiz als jüngstes Beispiel für eine „Community Brand“, weil man zeitweise ein Passwort für den Onlineshop benötigte, der in Freundeskreisen wie eine Währung gehandelt wurde, und die Fans vor Drops an den Verkaufsstellen campierten. Die Zielgruppe ist jung, urban, viele davon schwarz oder mit Migrationshintergrund. Noch kaufen sie vielfach die Fakes der großen Marken, aber sie bringen ein riesiges Potenzial mit und sind wichtige Multiplikatoren. Der französische Luxuskonzern LVMH veranstaltet unter dem Namen „You and Me“ seit Jahren regelmäßig Workshops in Banlieues wie Clichy-sous-Bois, die Jugendliche an das Lederhandwerk oder die Parfümerie heranführen sollen. Dabei geht es nicht nur um Recruiting, sondern um Sichtbarkeit und den Aufbau von Beziehungen mit dieser Zielgruppe.

„Third Spaces“ nennt man in der Soziologie Orte, an denen zwischen Zuhause und Schule oder Arbeit Gemeinschaft entsteht. Immer mehr Modemarken versuchen, mit Events genau das zu liefern, eine soziale Infrastruktur, ein bisschen Sinnstiftung, um langfristige Bindungen aufzubauen, die, klar, auch zu Verkäufen führen. Demirezen hatte genau einen solchen Ort in der Innenstadt von Mönchengladbach geschaffen. Eine kleine Ladenfläche mit einem Schaufenster, in das er und seine Kumpels meist aber keine Klamotten hängten, sondern Ankündigungen für Konzerte, Partys oder Events mit verschiedenen Speakern zu Themen wie Rassismus, Migration, Feminismus. Die Leute sollten einfach eine gute Zeit haben, sagt Demirezen, und Mode „leben“. Zum Beispiel Siebdruck mal selbst ausprobieren und sehen, dass das nichts mit Copyshop-Print zu tun hat, sondern echtes Know-how erfordert. Bis heute schreiben ihm auf Social Media manchmal Kids von damals, dass er sie dazu inspiriert habe, etwas Kreatives zu machen oder Mode zu studieren, erzählt Demirezen. „Die treffen mich damit wahnsinnig hart, also im positiven Sinne.“

Das „Midnight“-Logo: Nachts verändern sich die Menschen, die Augen, die Atmosphäre, sagt der Designer
Das „Midnight“-Logo: Nachts verändern sich die Menschen, die Augen, die Atmosphäre, sagt der Designer Max Knechten

Den „Midnight-Space“ gibt es seit Corona nicht mehr. Jetzt werden Partys halt zu den Collabs gefeiert oder, wie während der Berlin Fashion Week vergangenen Januar, in einem Mini-Ladenlokal in Neukölln. Mehrere DJs und DJanes legten auf, es gab Jägermeister-Orange gratis, ein Barber aus Mönchengladbach bot „Free Haircuts“ an, kommen durfte jeder. Es kamen die, die keine Eintrittskarten zu den größeren Mode-Events hatten, aber auch irgendwie bei der Fashion Week dabei sein wollten und über Social Media von der Party gehört hatten. Die jungen Frauen trugen kurze Plüschjacken, kurze Röcke zu hohen Stiefeln, Gucci-Sonnenbrillen. Die jungen Männer Trainingsjacken, weite Hosen, Gucci-Sonnenbrillen. „Hi, ich bin Can, der Veranstalter hier“, stellte sich Demirezen bei jeder Gelegenheit vor. Zu kaufen gab es nichts, aber beim Nachhausegehen wussten im besten Fall ein paar mehr Leute, dass es da ein Label namens Midnight gibt, das irgendwie eine ganz gute Crowd hat.

Aktuell folgen ihm und der Marke auf Instagram rund 6000 Menschen. Das klingt nach nicht viel, aber Demirezen rechnet sowieso anders. „Die Modebranche misst Erfolg in Zahlen, ich in Distanz – wie weit ich gekommen bin“, sagt er. Er war im Frühjahr in Japan, hat dort einen Pop-up und eine Party gefeiert, er hatte einen Showroom in Paris, ein Rapper wie Kool Savas hat schon mal seine Sachen angehabt, die deutsche Vogue einen Artikel über ihn veröffentlicht. Von dem, was er macht, kann er mittlerweile leben und jetzt sogar Jeans aus hochwertigem japanischen Denim produzieren, die er Mitte Juli lanciert hat. Damit man mal sieht, dass Midnight mehr ist als nur T-Shirts und Sweatshirts bedrucken. „Ich habe Design nicht in Paris gelernt, sondern im Brennpunkt. Aber da lernst du das Wichtigste: aus nichts etwas machen“, sagt Demirezen. Ob er nicht trotzdem irgendwann genau dorthin will, in die Modehauptstadt? Oder nach Berlin, zumindest weg aus NRW? „Nee, einer muss doch die Fahne hochhalten“, schüttelt er entschieden den Kopf. „Ich brauche Berlin nicht. Mönchengladbach ist mein Chicago.“

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