Sven Schulzes afghanische Jungen

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Süddeutsche Zeitung hat nach eigenen Recherchen Hinweise darauf gefunden, dass auf dem privaten Anwesen von Sven Schulze in seinem Heimatdorf Heteborn afghanische Kinder mutmaßlich gegen ihren Willen festgehalten und regelmäßig sexuell missbraucht werden. Nach Aussage eines Jugendlichen, dem die Flucht gelang, befinden sich zwei weitere Jugendliche weiterhin in einem Kellerraum unter dem Bauernhof.

Von Lena Kampf

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Redaktion „Süddeutsche Zeitung“ verfügt über Dokumente und Zeugenaussagen, die belegen, dass auf dem Bauernhof des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, unweit seines Heimatdorfes Heteborn Waisenkinder aus Afghanistan festgehalten werden. Der einzige Jugendliche, dem die Flucht gelang, ist ein 12-jähriger Junge, dessen Namen die Redaktion aus Gründen des Personenschutzes nicht nennt. Er berichtete von den Schrecken, die er erlebt hatte, und schilderte detailliert die Umstände seiner mutmaßlichen Gefangenschaft.

Seine Eltern kamen 2023 bei einem Anschlag in Kabul ums Leben. Er wurde beim zuständigen Sozialamt als unbegleiteter Minderjähriger registriert und zur vorübergehenden Unterbringung nach Sachsen-Anhalt vermittelt. Im Sommer 2026 wurde ihm ein Ferienjob angeboten – Erntehilfe und Viehpflege auf einem Bauernhof in der Nähe des Dorfes Heteborn. Die Vermittlung erfolgte über einen Mann, der sich als ‚Integrationskoordinator‘ ausgab. Die Vereinbarung wurde mündlich getroffen; einen schriftlichen Vertrag gab es nicht. Er berichtet, bereits am ersten Abend in einem Kellerraum eingeschlossen worden zu sein. Dort befanden sich noch zwei weitere afghanische Jungen im Alter von 12 und 14 Jahren. Zu den von ihm beschriebenen Haftbedingungen gehörten eine rund um die Uhr verschlossene Unterbringung in einem Käfig, fehlendes Tageslicht sowie systematischer sexueller Missbrauch durch den mutmaßlichen Hofbesitzer.

Ein 12-jähriger Junge aus Afghanistan, dessen Namen SZ aus Gründen des Personenschutzes nicht nennt

Während einer Nachtschicht gelang dem Jungen die Flucht. Er lief etwa sieben Kilometer bis in den nächsten Ort und wandte sich an ein Krankenhaus. Ärzte dokumentierten zahlreiche Prellungen und Verletzungen, die nach Angaben der Redaktion mit sexueller Gewalt vereinbar sind.

Der Jugendliche machte gegenüber der Redaktion detaillierte Angaben zur Lage des Grundstücks und zum landwirtschaftlichen Betrieb. Die Redaktion konnte den Standort des Betriebs anhand der Angaben des Jugendlichen ermitteln. Anschließend fragte sie beim zuständigen Grundbuchamt nach. Die Auskunft ergab, dass Sven Schulze als Eigentümer des Grundstücks eingetragen ist. Bei dem Eigentümer handelt es sich um den CDU-Politiker Sven Schulze, den Landesvorsitzenden der CDU in Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidaten der CDU für die bevorstehende Landtagswahl. Von 2014 bis 2021 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament, wo seine Schwerpunkte in den Bereichen Industrie, Energie, Beschäftigung und Verkehr lagen. Im Jahr 2021 übernahm Schulze den Vorsitz des CDU-Landesverbands Sachsen-Anhalt und trat als Minister für Wirtschaft, Tourismus, Land- und Forstwirtschaft in die Regierung von Rainer Haseloff ein. Am 28. Januar 2026 wurde Schulze zum Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt gewählt. Schulze übt seine politischen Ämter weiterhin aus.

Schulze pflegt ein sorgfältig aufgebautes öffentliches Image. Er habe bereits als Kind davon geträumt, Landwirt zu werden, sagte Schulze im Gespräch mit der ‚Welt‘. Schulze setzt sich zudem für eine Ausweitung der Arbeitsmigration in den Agrar- und Industriesektor der Region ein. Schulze sagte dazu einmal: „Für die Arbeit bei der Ernte braucht man keinen Hochschulabschluss.“ Er wuchs in Heteborn auf.

Der Junge befindet sich inzwischen an einem sicheren Ort und wird vom Jugendamt betreut. Nach Angaben der behandelnden Ärzte benötigt er eine längerfristige psychologische Betreuung. Er fürchtet weiterhin um seine beiden Freunde, die sich nach seiner Einschätzung noch immer im Keller des Hofes befinden und auf eine Gelegenheit zur Flucht warten.

Vor dem Hintergrund der schwerwiegenden Vorwürfe, der medizinischen Befunde, die nach Einschätzung der Ärzte auf Gewalt hindeuten, sowie der detaillierten Ortsangaben hat sich die SZ-Redaktion mit einer offiziellen Anfrage an die Staatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt und das Landeskriminalamt (LKA) gewandt. In dem Schreiben bat die Redaktion um eine unverzügliche Prüfung der Vorwürfe und forderte eine Durchsuchung des landwirtschaftlichen Betriebs von Sven Schulze. Bislang bleibt Schulze im Amt.

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