GlosseDas Streiflicht
|Lesezeit: 2 Min.|
Kommentare
Bei keiner anderen Partei zählt so viel Waldschrattum zur Tradition wie bei den Grünen. Cem Özdemir sollte das erkennen.
(SZ) Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Cem Özdemir, hat eine Frage aufgeworfen, die es dringend zu diskutieren gilt. Er empfahl seiner Partei, den Grünen, sich ein Beispiel an den Grünen in BaWü zu nehmen, die sehr pragmatisch seien und so vor ein paar Monaten die Wahl gewonnen hätten. „Sehr pragmatisch“ stand früher für den enorm realistischen Teil des Realo-Lagers. Heute steht es für kretschmannözdemirisch, also für bücherregalbürgerliches Grünsein mit schwäbischem Akzent. Unter diesen Grünen gelten die SPD als Auslaufmodell und die CDU als stieseliger, aber natürlicher Koalitionspartner. Sein Land sei keineswegs „ein Sonderfall“, sagte Özdemir dann noch, die Grünen könnten auch anderswo Wahlen gewinnen, das Rezept sei übertragbar. Schließlich sei BaWü kein „Land von Waldschraten und Hinterwäldlern“.
Das ist nun sehr interessant. Wer sich an die Anfangszeiten der Grünen erinnert, wird wissen, dass das Waldschrattum als solches Gründungsbestandteil der Partei war. Zwar verlor es entgegen allen Bemühungen von Reinhard Bütikofer und manchen anderen Waldschraten mit der Zeit sehr an Einfluss in der Partei. Joschka Fischer, als junger Mann ein Stadtschrat, bändigte später in Cerruti-Dreiteilern das Waldschrattum, auch wenn ihm im Zuge dieses Prozesses die innerparteiliche Waldschratguerilla Farbe ans Ohr warf. Jedenfalls zählt bei keiner anderen Partei so viel Waldschrattum zur Tradition wie bei den Grünen. Während das Hinterwäldlertum mehr eine geografische Beschreibung der wenig kenntnisbelasteten Verwurzelung im Urkonservatismus ist, handelt es sich beim Waldschrattum um eine durchaus auch offene Geisteshaltung. Der Waldschrat versperrt sich, anders als der Hinterwäldler, dem Fortschritt nicht. Er ist stolz auf den Wald in sich und sieht dessen Ausbreitung in Parlament und Staatskanzlei als eine politische Aufgabe. Auf BaWü übertragen: Winfried Kretschmann hat waldschratische Züge, wohingegen Martin Heidegger oder Stefan Mappus dem Hinterwäldlertum anhingen.
Der Hinterwäldler ist heute weniger an seinem Aussehen zu erkennen als an seiner List, manche nennen sie Tücke
Anders als dies Özdemir glaubt, ist Baden-Württemberg mentalitätsgeschichtlich durchaus auch ein Land von Waldschraten und Hinterwäldlern. Natürlich trifft diese Beschreibung auch für andere Bundesländer zu. Am ausgeprägtesten ist das Waldschrat- und Hinterwäldlertum in Bayern. In manchen östlichen Bundesländern läuft in dieser Hinsicht ein erfolgreicher Aufholprozess, der sich in den nächsten Landtagswahlen prominent niederschlagen wird. Vor allem der Hinterwäldler ist nicht mehr so sehr an seinem Aussehen zu erkennen als vielmehr an hinterwäldlerischer List, manche nennen sie Tücke. Björn Höckes Vorschlag, Sahra Wagenknecht möge sich doch mit Hilfe der AfD zu Thüringens Ministerpräsidentin wählen lassen, wird zum Beispiel von hinterstwäldlerischer Tücke getragen.