AutobiografieMehr als nur ein Sohn von Willy

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Peter Brandt bei der Kundgebung des Hamburger Ostermarsches im Jahr 2023.
Peter Brandt bei der Kundgebung des Hamburger Ostermarsches im Jahr 2023. Markus Scholz/dpa

Peter Brandt, der älteste Sohn von Willy Brandt, hat seine Autobiografie vorgelegt. „Sich ändern, um sich treu zu bleiben“ ist der nüchtern-analytische Blick eines bekennenden Sozialisten zurück in die Bonner Republik.

Rezension von Rudolf Walther

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Peter Brandt ist der älteste von drei Söhnen des Ehepaars Rut und Willy Brandt. Er wurde 1948 in Berlin geboren und arbeitete als Historiker bis zur Emeritierung 2014 an der Fernuniversität in Hagen. Ein Jahr nach dem Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine machte er durch einen umstrittenen Friedensappell von sich reden, ansonsten drängt es ihn eher wenig in die Öffentlichkeit. Seine Autobiografie mit dem Titel „Sich ändern, um sich treu zu bleiben“ ist spannend geschrieben. Einzelne Kapitel informieren kenntnisreich über Erfahrungen in Institutionen, die der Normalleser nicht kennt – etwa über den Betrieb an einer Fernuniversität oder das Kinderleben und die Jugendzeit unter Polizeischutz, wie er für Angehörige von Spitzenpolitikern üblich geworden ist.

Brandts Kindheit und seine Schulzeit in Berlin verliefen problemlos. Die Umgangssprache in der Familie war das Norwegische, die Muttersprache seiner Mutter. Norwegen war auch zeitweise der Aufenthaltsort seines Vaters in der Zeit des Exils. Von den frühen 60er-Jahren an engagierte sich Peter Brandt bei den „Falken“, der Jugendorganisation der SPD. Harry Ristock, ein linker Sozialdemokrat, führte den Verband von 1954 an und brachte ihn auf die politische Linie des jugoslawischen Machthabers Tito.

Als Schauspieler in „Katz und Maus“ von Günter Grass

Eine der frühesten politischen Erinnerungen war der Besuch John F. Kennedys in Berlin, der für Brandt „der letzte US-Präsident wurde, den ich verehre“ und der ihm und seinen Brüdern eine silberne Dose von Tiffany schenkte. In seiner Jugend verbrachte er mehrere Ferien in Norwegen, wo ihn der Nato-Generalsekretär einmal bat, einen Vortrag in der Landessprache zu halten. Im September 1965 besuchte Brandt das als legendär in die Geschichte eingegangene Konzert der Rolling Stones in der Berliner Waldbühne. Im selben Jahr erhielten Peter und sein Bruder Lars die Chance, im Film „Katz und Maus“ von Günter Grass mitzuspielen. Nach der Uraufführung des Films kam es im Bundestag und in der Presse zu scharfen Attacken auf die Tendenz des Films, das Soldatische ungeschminkt zu präsentieren, was bei Veteranen des Weltkriegs auf wenig Verständnis stieß und selbst konservative Christdemokraten aufregte.

Peter Brandt : Sich ändern, um sich treu zu bleiben. Erinnerungen und Begegnungen. J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2026. 416 Seiten, 28 Euro.
Peter Brandt: Sich ändern, um sich treu zu bleiben. Erinnerungen und Begegnungen. J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2026. 416 Seiten, 28 Euro. Dietz Verlag

Peter Brandt absolvierte nach dem Abitur zügig ein Geschichtsstudium an der TU Berlin, bei Professor Reinhard Rürup, dessen Assistent er nach Abschluss der Dissertation wurde. Der Autor neigt in seiner Darstellung der Zeit der Studentenbewegung von 1968 weder zur politischen Überhöhung der Ereignisse noch zu deren Denunziation post festum, sondern referiert das Geschehen sachlich-nüchtern – so erinnert er sich ohne Ressentiments, dass sein Vater einmal nach dem Nürnberger Parteitag von 1968 von „Peters Freunden“ sprach, die gegen den Parteitag demonstriert hätten. Alle Welt und alle Medien hielten sie gar für „Linksextremisten“. Nur einmal drohte der Vater dem Sohn mit seinem Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters, falls Peter weiter gegen die USA und deren Politik in Vietnam mit tatsächlicher oder von der Presse nur unterstellter Rückendeckung „von drüben“ agiere. Das war ein Reflex auf die böse und vergiftete politische Kampfstimmung in der geteilten Frontstadt, wo Springer-Presse und Verfassungsschutz die Stimmung befeuerten wie bei den Protesten gegen den Verlag, als der Agent Peter Urbach die Demonstranten mit Molotowcocktails versorgte, um dem Protest einzuheizen.

Im Banne des Trotzkismus

Mit dem Zerfall der Studentenbewegung begann an den Rändern der Bewegung eine Radikalisierung in Richtung Terror und „bewaffneter Kampf“ – ein Irrweg, den Brandt von Anfang an als „Irrsinn“ und „politischen Privatkrieg“ wahrnahm. Wegen eines Demonstrationsdelikts wurde Brandt einmal von einer Jugendrichterin zu zwei Wochen Dauerarrest verurteilt. Das Urteil wurde in zweiter Instanz in eine Geldstrafe umgewandelt.

Erinnerung an den Vater: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (re.) zusammen mit Baustadtrat Horst Porath (M) und Peter Brandt (links) 1999 in Berlin bei der Bennenung einer Straße nach Willy Brandt.
Erinnerung an den Vater: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (re.) zusammen mit Baustadtrat Horst Porath (M) und Peter Brandt (links) 1999 in Berlin bei der Bennenung einer Straße nach Willy Brandt. Bernd Settnik/dpa

Anfang der 1970er-Jahre näherte sich Brandt dem „Sozialistischen Büro“ (SB) an, einer undogmatischen sozialistischen Organisation, die in Berlin zwischen 50 und 100 Mitglieder hatte, unter ihnen bekannte Professoren (Wolf-Dieter Narr, Elmar Altvater, Ossip K. Flechtheim).

Schon zuvor war Peter Brandt in den Bann des Trotzkismus geraten und wurde zeitweise Mitglied der arg zersplitterten IV. Internationale um Ernest Mandel. Anfang der 1980er-Jahre begann Brandts Zusammenarbeit mit dem Publizisten und Historiker Herbert Ammon und die Beschäftigung mit der nationalen Frage, die beide seither bewegt.

Einen umfangreichen Teil der Erinnerungen nehmen jene an Brandts Lebensgefährtinnen und Kinder ein sowie der Bericht über die Arbeit als Lehrender an der Fernuniversität. Das letzte Kapitel handelt von Brandts Trauerreden für Freunde und Kollegen. Leider erfährt hier der Leser nichts über das heikle Genre der Trauerrede, in dem der Rezensent Erfahrung hat. Der Autor zählt praktisch nur die Anlässe für die Trauerreden auf, präzisiert aber inhaltlich nichts.

Insgesamt besticht die Autobiografie durch ihre Nüchternheit der Darstellung, weit entfernt von eitler Selbstbespiegelung oder der Schlüsselloch- oder Kammerdienerperspektive dieses Textgenres, auch wenn es um die elterlichen oder eigenen Familien- beziehungsweise Beziehungsverhältnisse geht. Nicht zuletzt ist das ein politisch lohnendes und aufklärendes Buch.

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