Die Jacken, auf denen zahlreiche Aufnäher prangen, sind ein bekanntes Accessoires bei Festivals wie dem in Wacken in Schleswig-Holstein. Dirk Jacobs/IMAGO
Beim Heavy-Metal-Festival soll Besuchern der Eintritt verwehrt worden sein, weil sie Aufnäher mit linkspolitischen Botschaften getragen haben. Der Veranstalter spricht von Einzelfällen.
Das Wacken Open Air gilt mit etwa 85 000 Besuchern als eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt. Aufnäher von Bands wie Def Leppard, Judas Priest oder Powerwolf auf den Kutten – meist ärmellosen Jeansjacken – sind auf dem Festival in Schleswig-Holstein fast so oft zu sehen wie das Metal-Handzeichen, bei dem man den Zeigefinger und den kleinen Finger zu Hörnern formt. Nun soll Besuchern mit Aufnähern mit politischen Botschaften wie etwa „FCK AFD“ oder einer Regenbogenflagge als Symbol für die queere Community der Zutritt zum Festivalgelände verwehrt worden sein. Was ist genau passiert?
Emma Neumann musste an ihrer Jacke einen Aufnäher entfernen, um auf das Gelände zum Wacken-Festival zu kommen. privat
„Beim Einlass wurde ich von einem Security-Mitarbeiter angesprochen“, sagt Emma Neumann im Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung. Dieser habe eine Kappe mit dem Wort „Ostdeutschland“ in Runenschrift getragen und sie darauf hingewiesen, dass ihr „FCK AFD“-Patch zu politisch sei und auf dem Gelände somit nicht erlaubt sei. Sie könne ihre Kutte zum Zeltplatz zurückbringen oder den Aufnäher abtrennen. „Dann hat er mir tatsächlich sein Taschenmesser gegeben und gesagt: Aber schneide dich nicht, Prinzessin“, sagt die 23-Jährige. Der Mitarbeiter gehöre laut Emma Neumann zu einer Securityfirma aus Sachsen-Anhalt – der Name der Firma ist der SZ bekannt. Nach dem Aufkommen der Vorwürfe während des Festivals seien die Mitarbeiter nochmals belehrt und auf die geltenden Regeln hingewiesen worden, schreibt der Geschäftsführer der Sicherheitsfirma auf SZ-Anfrage. Er bedauere es, dass es keine Möglichkeit für die Firma gegeben habe, mit den Betroffenen zu sprechen und die Situation zu klären.
„Ich wäre tatsächlich auch mit der Situation zufrieden gewesen, wenn es gegen alle Patches und Statements gehen würde“, sagt Emma Neumann. Auf dem Festivalgelände sah sie jedoch rechte Aufnäher sowie Tattoos mit dem rechtsextremen Erkennungssymbol „schwarze Sonne“, weshalb sie sich als lesbische Frau auf dem Festival nicht sicher gefühlt habe. Dazu wurde Emma Neumann nach eigenen Angaben mehrmals aufgrund eines Regenbogen-Bändchens um ihren Hut homophob angegangen. „Ich habe auch eine Mail ans Festival geschrieben, aber bisher keine Antwort bekommen.“
Auf der Diskussionsplattform Reddit hatte Emma Neumann unter dem Namen „Ehmms“ von ihren Erfahrungen beim Wacken-Festival berichtet. Der Post hat mehr als 500 Kommentare. Unter dem Beitrag sowie beim Festivalveranstalter meldeten sich weitere Betroffene.
Über ähnliche Probleme berichtet etwa der 25 Jahre alte Jannik, dessen vollständiger Name der SZ bekannt ist: „Ich hatte eine Kutte mit Patches darauf, unter anderem ein Pride-Patch sowie ein ‚FCK AFD‘-Patch – beide vorn.“ Auch er sei von den Sicherheitsmitarbeitern nicht auf das Gelände gelassen, sondern aufgefordert worden, die Aufnäher zu entfernen oder die Jeansjacke auf den Campingplatz zu bringen. Jannik entschied sich, die Jacke auf den Campingplatz zu bringen, und durfte danach das Hauptgelände vor der Bühne betreten.
Ein Pressesprecher des Metal-Festivals äußert sich zu den Vorwürfen auf SZ-Anfrage: „Es scheint uns derzeit um etwa zehn Schilderungen zu gehen – bei 85 000 Besuchenden. Wir nehmen jeden einzelnen Fall sehr ernst. Jeder einzelne ist einer zu viel.“ Beschriebene Aufnäher waren auf dem Festival nicht verboten. Derzeit befinde sich der Veranstalter in einem Aufarbeitungsprozess, um Maßnahmen zu ergreifen. Wie der Prozess aussieht und um welche konkreten Maßnahmen es sich handelt, könne der Veranstalter bisher nicht kommunizieren.
Ebenso vage bleibt der Pressesprecher bei der erwähnten Securityfirma: Für den Sicherheits- und Ordnungsdienst sei ein externer Dienstleister beauftragt worden. „Er besetzt dieses Thema eigenverantwortlich und ist unter anderem auch für das Engagement einzelner Security-Unternehmen zuständig.“ Trotzdem sehe das Wacken Open Air die Verantwortung bei sich selbst. „Wir möchten, dass sich alle unsere Gäste wohlfühlen. Soweit dies nicht der Fall gewesen ist, bedauern wir dies sehr und entschuldigen uns bei den Betroffenen.“
Emma Neumann wartet allerdings noch immer auf eine Antwort auf ihre Mail. Im kommenden Jahr will sie aufgrund der Vorfälle das Festival nicht mehr besuchen.
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