Hochkultur und HormoneDas geheime Leben des Publikums

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Im Theater ist es wie sonst im Leben: Wer für den Einlass bezahlt, möchte es meist auch fröhlich haben. Hier ist allerdings kein echter Liebesanfall im Publikum zu sehen, sondern nur eine barocke Inszenierung.
Im Theater ist es wie sonst im Leben: Wer für den Einlass bezahlt, möchte es meist auch fröhlich haben. Hier ist allerdings kein echter Liebesanfall im Publikum zu sehen, sondern nur eine barocke Inszenierung. Imago

Laut einer Recherche des „Guardian“ benehmen sich Theaterbesucher immer schlechter. Sogar Oralsex in der Loge wollen Mitarbeiter beobachtet haben. Ein mahnender Zwischenruf.

Von Martin Zips

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Welch selige Zeiten, als das Personal während eines Konzerts des Jazz-Vibrafonisten Lionel Hampton (1908 – 2002) noch vornehmlich darauf zu achten hatte, dass die Leute im Publikum einfach sitzen blieben. Schließlich handelte es sich, Anfang der Neunzigerjahre im Münchner Herkulessaal, um kein unbestuhltes Konzert – und wo kommen wir denn da hin, wenn die Leute von den billigen Plätzen, von Blue Notes benebelt, sich auf einmal ins Sichtfeld der ersten Reihe tanzen? Doch spätestens nach „Dizzy Spells“ geriet dann doch alles außer Kontrolle, wahrscheinlich haben sie deshalb in immer mehr Konzerthäusern die jeweiligen Preisgruppen bald wie Schafherden voneinander getrennt. Künstler aber, die als besonders provokant galten, setzten sich darüber hinweg und baten Studenten kostenlos zu sich auf die Bühne. Eine ungeheure Provokation des Establishments!

Nun werden freilich auch solche Geschichten erzählt: Als während eines Konzerts, welches der Klassik-Pianist Friedrich Gulda (1930 – 2000) einmal in einer ländlichen Turnhalle gab, der Fotograf einer Regionalzeitung dem Musiker zu nahe rückte, damals wurde noch nicht lautlos mit der Smartbrille, sondern klickend mit der Leica fotografiert, brüllte Gulda diesen an: „Wenn Sie nicht endlich damit aufhören, trete ich Ihnen derart in den Arsch, dass Sie hinten zur Tür rausfliegen.“ Denn, das sollte man hier auch einmal feststellen: Das eigentliche Problem sind oft gar nicht die Künstler oder gar das Saalpersonal. Das eigentliche Problem ist: das Publikum.

Zuschauer bemühen Gestapo-Vergleiche

In einer absolut beeindruckenden Recherchearbeit hat der britische Guardian gerade noch einmal darauf hingewiesen, welch großes Problem etwa die Handynutzung im Parkett für die Kunst bedeutet. Im Londoner West End und an einem Theater in Dublin hätten zuletzt in gleich mehreren Fällen Zuschauer von der Bühne aus aufgefordert werden müssen, ihre mobilen Endgeräte endlich abzuschalten. Während eine solche Ermahnung vom Publikum meist widerspruchslos hingenommen werde, seien in anderen Fällen durch leise Rügen des Saalpersonals schon alle Dämme gebrochen: Vergleiche mit der Gestapo oder der Sowjetunion wurden von Zuschauern bemüht, auch Rückerstattungen gefordert.

Kleindarsteller, die beim Musical „Der Zauberer von Oz“ als fliegende Affen von oben durch einen Zuschauerraum segelten, hätten nach ihrer Landung das Theaterpersonal, oft handelt es sich hier um arbeitslose Künstler, auf „Oralverkehr“ in einer Loge aufmerksam gemacht. Ein Problem, welches sich laut erfahrenen Theaterleuten auch schon im Parkett oder dem Foyer beobachten ließ, meist im Anschluss an einen Besuch der Saalgastronomie. Im Kulturbereich herrscht, ebenso wie in exklusiven Restaurants oder Hotels, beim Publikum eine gewisse Anspruchshaltung. Wer für den Einlass bezahlt, möchte es meist auch fröhlich haben.

Daher sei an dieser Stelle nicht nur der kulturelle Dienstleister, sondern auch der Besucher zu einem möglichst respektvollen Miteinander zwischen Garderobe und Orchestergraben auch in der kommenden Theater-, Opern- und Konzertsaison wieder ermahnt. Denn erst das macht den Genuss der Hochkultur ja möglich: heitere Gelassenheit.

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