Konzert auf den Münchner KönigsplatzNick Cave kommt nach München

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Auf Händen getragen: Nick Cave am 17. Juli 2026 bei einem Konzert in Carhaix-Plouguer in der Bretagne.
Auf Händen getragen: Nick Cave am 17. Juli 2026 bei einem Konzert in Carhaix-Plouguer in der Bretagne. Fred Tanneau / AFP

Nick Cave feiert bei seinen Konzerten die Kraft der Gemeinschaft, nachzuhören auf einem aktuellen Live-Album.  Am 23. August spielt er auf dem Münchner Königsplatz.

Von Christian Jooß-Bernau

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Ein blonder Junge, leicht unscharf, an der Kante eines bezogenen Bettes stehend. Hinter ihm weiße Gardinen. Durch den Schlitz, den sie freilassen, ahnt man eine Hecke. Der Junge ist eingefangen in Bewegung. Trägt er eine Badehose? Er wird nicht lange in diesem Zimmer bleiben. Es könnte Sommer sein. Das Licht, das durchs Fenster fällt, reflektiert in seinen Haaren, seine Gesichtszüge kann man nur ahnen. Vielleicht lächelt er. Das Foto könnte an der englischen Küste in Brighton aufgenommen worden sein. Im mittlerweile verkauften Haus von Nick Cave und seiner Frau Susie.

Und doch hat man nicht das Gefühl, einen privaten Schnappschuss zu sehen. Das Foto seines Sohnes Arthur, das Nick Cave seinem Text beigefügt hat, ist ein monochromes, sepiagetöntes Bild; da ist das Licht, die Unschärfe. Dieses Kind ist schon Erinnerung, eine Erscheinung. Das Foto der französischen Fotografin Dominique Issermann steht in einem der aktuellen Einträge Caves auf seiner Internet-Seite „The Red Hand Files“. 2018 hat er mit diesem Projekt begonnen. Die schlichte Idee: Das Publikum fragt, Cave antwortet – einmal die Woche, ohne zwischengeschaltetes Management, ohne Moderation, ohne Filter.

Eigentlich war es gar keine Frage, die Jane ihm gestellt hatte. Nur gute Wünsche, Liebe und Kraft für diesen Tag, den elften Todestag seines Sohnes Arthur. „Diese Gefühle des Verlusts gleiten durch unsere Körper wie Geister“, schrieb ihr Cave: „Sie lassen sich in unseren Zellen nieder, in unserem Blut, versammeln sich an Tagen wie diesen, wie Wetterphänomene, formen uns auf eine Weise, die wir nicht verstehen können.“ Cave notierte das an einem sonnigen Tag im südfranzösischen Nîmes. Am Abend, schrieb er, würde er im Amphitheater spielen.

Am 10. Juni hat die Sommertour von Cave und seinen Bad Seeds im Malahide Castle in der Nähe von Dublin begonnen. Deutschland, Dänemark, Tschechien, Österreich, Griechenland, Italien, Belgien, Portugal, Frankreich, England – bis jetzt war es eine wilde Reise durch Europa. Am 31. Juli kam Cave nach Brighton, das Küstenstädtchen, in dem er lange lebte. In dem sein Sohn starb. Vor dem Konzert: ein Überraschungsauftritt auf dem Dach eines Plattenladens in einer kleinen Straße. Vier Nummern spielte die Band, darunter die T. Rex-Coverversion „Cosmic Dancer“. Am Abend im Preston Park holte er nach vielen Jahren wieder eine alte Freundin auf die Bühne: Kylie Minogue sang mit ihm „Where The Wild Roses Grow“, mit dem die beiden in den Neunzigern einen Hit hatten, der Cave vom Underground-Helden zum MTV-Star machte.

Am 23. August tritt Nick Cave in München auf – auf dem Königsplatz. Hier hat er noch nie gespielt. Weit zurück aber liegt sein letzter München-Auftritt nicht: am 18. Oktober 2024 in der ausverkauften Olympiahalle, auch dieser Ort ein Novum. Ein Novum damals auch ein Münchner Cave-Konzert in dieser Dimension. Alle Befürchtungen, Cave könne dieser Halle, ihrem leicht sterilen Retro-Design und der verhallten Akustik nicht gewachsen sein, wurden an diesem Abend in einer dampfheißen Feier der Gemeinschaft mit dem Publikum vaporisiert – Cave auf einem Steg vor den Fans, anfassbar, Hände berührend, lehnte er sich in sein Publikum.

Wer über die Jahre immer mal wieder Cave- und Bad-Seeds-Konzerte besucht hat, spürte, dass sich da über die Jahre organisch etwas ganz Spezielles entwickelt hat. Das aktuelle Album ist ein Live-Vinyl-Doppelalbum, erschienen im Dezember 25, wahlweise zu hören auch bei einem dieser Streaminganbieter, die Künstler nicht ansatzweise adäquat für ihre Arbeit entlohnen. „Live God“ heißt es, in Anlehnung an das letzte Studioalbum „Wild God“. Aufgenommen auch bei einem Auftritt in Paris im November 24. Ein Tondokument, das die Bad Seeds als euphorische Einheit zeigt, wie die dunklere Ausgabe der E Street Band. In den Soundwellen kann sich der Sänger auflösen: „Kill me in the sunday rain“.

Nick Cave bei seinem Auftritt in der Münchner Olympiahalle.
Nick Cave bei seinem Auftritt in der Münchner Olympiahalle. Catherina Hess

Mit „Frogs“ begann Cave damals auch in München sein Konzert. Ein Naturrätselbild hüpfender Frösche voll Lebens- und Sterbensfreude, das vor Publikum zur emphatischen Daseinserfahrung wurde. Aktuell startet er mit einem Klassiker, aber nicht weniger programmatisch in seine Konzerte: „Get Ready For Love“.

Unlängst war Cave in Berlin, wo er, wie die örtlichen Zeitungen berichteten, unangekündigt ins Kupferstichkabinett spazierte, um sich dort Sandro Botticellis Illustration von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ zeigen zu lassen. Ab 2020 schuf Cave eine Serie von Keramikfiguren, inspiriert von viktorianischer Keramik, die in Stationen das Leben des Teufels erzählen. Mal die Birthday Party-Jahre beiseitegelassen, ist schon Caves erstes Bad-Seeds-Album „From Her To Eternity“ ein wilder Trip von der Verdammnis zur Hölle zur Vergebung und wieder zurück.

Die Berliner Zeitung nennt ihn im Kupferstich-Artikel munter einen Goth-Rock-Sänger, was die Sache nicht ganz trifft. Nach annähernd 50 Jahren als Künstler ist Cave lange über Pop-Moden hinausgewachsen. „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ heißt der Interview-Band, in dem Cave im Gespräch mit Sean O’Hagen seine Sicht auf Leben und Glauben in all ihrer Komplexität ausbreitet. Sein Sohn Arthur starb 2015, sein älterer Sohn Jethro starb 2022. Mit diesen Verlusten hat sich Nick Caves Kunst noch einmal gewandelt, hat an Tiefe gewonnen, die die Erfahrung von Verlust und Weiterleben nicht als privaten Moment ausstellt, sondern als allgemeinmenschliche Erfahrung zugänglich macht.

Er will Songwriter werden, schreibt ihm Serge in den „Red Hand Files“, aber alles, was er mache, klinge wie etwas, das schon einmal gemacht wurde. Es gibt gute Nachrichten, schreibt Cave ihm zurück: „Es mag nichts Neues unter der Sonne geben, aber es ist unsere Einzigartigkeit, die wichtig ist, unsere Besonderheit.“ Und bevor sich Serge fragt, wo zur Hölle er seine Einzigartigkeit findet, fährt Cave fort zu erklären, wie die Kunst funktioniert: „zeitlose Ideen, interpretiert durch unsere eigene unnachahmliche Eigenartigkeit“. Eigenartig sein und bleiben. Klingt machbar.

Der Teufel will heiraten: eine Figur aus Nick Caves Keramikserie.
Der Teufel will heiraten: eine Figur aus Nick Caves Keramikserie. Alessandro Rampazzo / AFP

Eine „seltsame Übung in gemeinschaftlicher Verletzlichkeit und Transparenz“ seien seine „Red Hand Files“ geworden, schreibt Cave. Seine Konzerte sind Messen ohne Bekehrungsanspruch. Gemeinschaftserlebnisse, in denen das Publikum im Call and Response eines Gospelgottesdienstes mit ihm schwingt, klatschend den Backbeat liefert für einen Song wie das auf dem Live-Album dokumentierte  „Tupelo“. Ein Kind wird in dieser Nacht der Stürme und des existenziellen Aufbäumens der Natur in Tupelo geboren. Er wird die Last Tupelos tragen, wenn nicht die der ganzen Welt. Und man muss nicht tief in die Popgeschichte abtauchen, um zu verstehen, dass Cave hier von der Nacht des 8. Januars 1935 singt, von diesem Holzhaus, in dem kein Gott geboren wurde, sondern der King.

Mit dem prophetischen „As The Water Covers The Sea“, das Flut und Erlösung im Gospelchor vereint, entlässt Cave auf dem Album ein hörbar glückliches Publikum in die Pariser Nacht. Auf seine Art ist er selber auf dem Weg, eine der ikonischen Figuren des Pop zu werden. Aber nein, Cave ist nicht King Elvis, sondern Mensch. Und so antwortet er auch auf Fragen zum Themenkomplex Freddie Mercury und Selbstbild. Wenn Cave auf die Bühne geht, schreibt er, dann glaube er, Elvis Presley zu sein, oder Michael Jackson, oder Beyoncé, oder Freddie Mercury. In den seltenen Momenten, in denen er sich selbst gesehen habe, breche aber diese Illusion „schnell und brutal“ in sich zusammen: „Was immer auch andere Menschen sehen mögen, wenn sie mich betrachten, das sehe ich nicht. Ich bin, im Guten wie im Schlechten, einfach ich selbst – dieselbe allzu menschliche Figur, die mich aus dem Spiegel jeden Morgen zurück anstarrt.“

Als Mensch aber, weiß Cave, sind wir Wesen der konstanten Veränderung, und manches kann sich auch zum Guten wandeln: Über die Jahre ist dieses Unbehagen, sich selbst anzusehen, ein wenig verblasst: „Scheint, als wurde es ersetzt, durch ein wachsendes Mitgefühl und Akzeptanz meiner selbst.“ Wenn die Sonne in München dann über den Propyläen untergeht, während die Glockenschläge von „Red Right Hand“ den Königsplatz vibrieren lassen, als würde sich das Jüngste Gericht ankündigen, wissen wir: Der Mann in Schwarz mit der gewaltigen Stimme ist auch nur ein zweifelnder kleiner Mensch. Wie wir. Schön.

Nick Cave & The Bad Seeds, Sonntag, 23. August, 18 Uhr, Königsplatz

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