Hofbräu im Deutschen TheaterWarum sind gute neue Wirtshäuser in München so selten?
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Ordentlich, aber keine Offenbarung: der Zwiebelrostbraten vom Entrecôte mit Röstkartoffeln und -zwiebeln. Stephan Rumpf
Das Hofbräu im Deutschen Theater möchte die deftige Küche Bayerns neu aufleben lassen. Gelingt das? Und wie stressresistent ist das Lokal an der wuseligen Schwanthalerstraße?
Eines gleich vorweg, sozusagen als Amuse-Gueule der schwer verdaulichen Sorte: Unser erster Besuch im neuen Hofbräu im Deutschen Theater war ein Reinfall, wie man ihn selten erlebt. Eine gastronomische Frechheit in mehreren Akten, die, wäre sie eine Show auf der Theaterbühne nebenan gewesen, Buhrufe und eine verstört abwandernde Gästeschar provoziert hätte.
Weil es aber seit jeher fair zugeht bei der SZ-Kostprobe und Gene Tonic kein Freund des Totalverrisses ist, bekommt jede und jeder immer eine zweite Chance, in diesem Fall sogar eine dritte. Diese wurden – hier nun das Amuse-Gueule der bekömmlicheren Sorte – genutzt. Ein bisschen zumindest.
Aber der Reihe nach.
Mit einem guten Wirtshaus ist es ja immer so eine Sache. Vor allem in München, der Stadt der Wirtshäuser. Viele sind banal, seelenlos oder zu teuer. Nicht immer stimmen das Preis-Leistungs-Verhältnis und der Service, selten gelingt die viel beschworene Balance aus Tradition und Moderne. Rar sind Überraschungen diesseits und jenseits des Fleisch-Äquators.
Zugegeben, Gene Tonic wurde neugierig, als im März 2026 in zentraler Lage ein neues Hofbräu-Wirtshaus eröffnet wurde: An der Schwanthalerstraße, an den Innenhof des Deutschen Theaters grenzend, dort, wo früher die Theatergaststätte Schwan beheimatet war und in den vergangenen Jahren unterschiedliche internationale Konzepte ausprobiert wurden, möchte der alte und neue Pächter Frank Mansory die „deftige Küche Bayerns neu aufleben“ lassen. „Und teilweise neu“ interpretieren, wie es offiziell heißt. Mansory ist ein erfahrener und kulinarisch flexibler Gastronom, direkt gegenüber betreibt er auch die Trattoria Mia.
Dass in dem aufwendig renovierten und einladend aufgehübschten Wirtshaus mit hellem Eichenholz, Bierfassdeckel- und Hopfen-Deko, Bar und hübscher Beleuchtung noch immer nicht alles rund läuft, erleben wir beim ersten Besuch.
Aufwendig renoviert und einladend aufgehübscht: die Innenräume des neuen Hofbräu im Deutschen Theater an der Schwanthalerstraße. Für durstige Besucher gibt es auch eine Bar. Stephan Rumpf
Ein heißer Juliabend vor den Schulferien. Im Deutschen Theater läuft „All You Need Is Love“, zahlreiche Menschen drängen sich im Innenhof vor dem historischen Faun-Brunnen. Dementsprechend viel Betrieb ist auch auf der Terrasse des Hofbräu. Wer reserviert hat und es wagt, dezent einem der wenigen Kellner zu winken, um nach einer Viertelstunde des Ignorierens ein Bier zu bestellen, wird mit einer abweisenden Geste bestraft. Das Bier kommt dann irgendwann doch, 30 Minuten, nachdem wir Platz genommen haben. Das Essen braucht satte 40 Minuten. Vorsorglich wurde uns von einer Vorspeise abgeraten. „Sonst dauert es noch mal 40 Minuten“, so die Bedienung.
Das Paar am Nachbartisch trifft es noch ärger: falsches Gericht nach langer Wartezeit, Hauptspeisen zu unterschiedlichen Zeiten, Fehler bei der Abrechnung mit hitziger Diskussion darüber. Ob die gerade noch rechtzeitig erreichte Show „All You Need Is Love“ für die beiden Geplagten am Ende stimmungsaufhellend war, bleibt offen.
Und das Essen? Immerhin kein Reinfall wie der Service, eher ein wohlwollendes „Basst scho“. Böse Zungen behaupten, das beste Fleisch war das Sitzfleisch von Gene Tonic und seiner geduldigen Entourage. Der Wammerl-Krustenbraten (17,90 Euro) wie auch der Zwiebelrostbraten (Entrecôte, 36 Euro) waren in Ordnung, nicht zu trocken, ordentliche Portionen, mit hübschen Details wie zweierlei Zwiebeln zum Rostbraten. Gut schmeckte uns das zarte Gulasch vom geschmorten Weiderind (22,50 Euro). Die Beilagen enttäuschten allesamt: sowohl die zwei kleinen Schusser von Kartoffelknödel zum Krustenbraten (batzig), als auch die Röstkartoffeln (fad), als auch die Spätzle zum Gulasch (fest statt fluffig).
Wenn es voll wird im Innenhof des Deutschen Theaters und auf der Terrasse des Hofbräus, kann es schon mal stressig werden. Stephan Rumpf
Das Erfreulichste war eindeutig die Frische und Eiseskälte des Bieres, das es hier selbstverständlich in allerlei Variationen und Größen bis zum 15- oder 30-Liter-Fass am Tisch gibt (0,5 Liter Helles 5,60 Euro, Mass 11,20 Euro).
Wie purer Hohn wirken an diesem Abend die Versprechungen in der Speisekarte („ganz sicher eine gute Zeit erleben“), auf der Homepage („auch wenn es mal voll wird, merkst du kaum etwas: Wir … sorgen dafür, dass alles reibungslos läuft“) sowie auf Instagram, wo einem tagtäglich (auch am Tag der totalen Überlastung) eine entspannte Bayern-Happiness vorgegaukelt wird.
Hand aufs Herz: Ja, es gibt Tage, die man besser vergisst, es gibt auch Personalengpässe. Aber warum nicht ehrlich kommunizieren? Warum nicht auf die Gäste zugehen, sich entschuldigen und erklären? An diesem Tag gab es nur genervte Blicke, zynische Antworten oder zweifelhafte Sprüche wie: „Haben Sie’s überlebt?“
Eines der wenigen veganen Gerichte auf der Karte: das originelle und sehr gut gewürzte Rote-Bete-Tatar mit eingelegten Radieschen und Avocadomayo. Stephan Rumpf
Ein anderes Bild beim zweiten Besuch. Ferienzeit, keine Vorstellung nebenan, wenige Gäste im Wirtshaus. Dass eine Vorspeise (das originelle und sehr gut gewürzte Rote-Bete-Tatar mit eingelegten Radieschen, 15,80 Euro) zunächst vergessen wird und statt stillem Wasser sprudelndes an den Tisch kommt – geschenkt.
Zu dezenter Blasmusik und bei kurzer Wartezeit freuen wir uns über eine resche Brezn zum Obazdn, der für unser Empfinden ein bisserl zu buttrig geraten ist, aber intensiv nach Camembert schmeckt (12,80 Euro). Die Speisen sind hübsch angerichtet, das Angebot im Hofbräu ist groß und fleischlastig (ein paar Fisch- und vegetarische/vegane Gerichte sind die Ausnahmen).
Bierlastig ist die Getränkekarte, wen wundert’s, aber es gibt auch ein paar Weine, Prickelndes, Longdrinks und Alkoholfreies. Wer experimentierfreudig ist, probiert den Hofbräu Spritz (7,50 Euro). Hier wird ein Helles mit Schweppes Granatapfel gemischt und mit Beeren angereichert. Gene Tonic fragt: Braucht’s des? Sein Lieblingsmensch ist da offener: „fruchtig-frisch und nicht zu süß – eine willkommene Abwechslung zu den bitteren Aperitifs, die sonst so gereicht werden“.
Klein, aber fein: der Kaiserschmarrn mit Apfelmus und Kirschgrütze. Stephan Rumpf
Das Wiener Schnitzel vom Kalb (28,90 Euro) kommt hauchdünn auf den Teller, mit einer dezent luftigen Panade. Für Gene Tonics Geschmack hätte das Fleisch eine Spur kräftiger gewürzt sein können, mundet aber passabel. Ebenso der saftige bayerische Kartoffel-Gurken-Salat. Eine Freude ist der Kaiserschmarrn. Die Portion ist eher klein, aber für 13,50 Euro in Ordnung. Karamellisiert ist er nicht, dafür fluffig mit einem unaufdringlichen Vanille-Aroma. Punktabzug gibt es für das Apfelmus und die Kirschgrütze – jeweils ein Esslöffel im Gläschen ist viel zu wenig. Die versprochenen Rosinen muss man suchen.
Gemischte Gefühle auch beim dritten Besuch. Obwohl der Service an diesem Sommerabend ausgesprochen freundlich und bemüht ist, wird wieder etwas vergessen: Die Röstkartoffeln zum Bachsaibling werden erst auf Nachfrage gebracht. Das Fischfilet mit Gemüse in Beurre Blanc war okay, wenngleich etwas zu gut durchgebraten (24,50 Euro). Die Käsespätzle konnten uns überhaupt nicht überzeugen (15,80 Euro): Vom „würzigen Bergkäse“ und Emmentaler in der für unseren Geschmack viel zu rahmigen Mischung ist wenig zu erspüren. Sehr gut dagegen die Suppen: sowohl die Pfannkuchensuppe aus Tafelspitzbrühe (8,50 Euro) als auch die Kartoffel-Cremesuppe mit Knoblauch-Croûtons (8,90 Euro) beeindrucken durch hier oft vermisste Intensität und Tiefe.
Das Konzept im neuen Hofbräu, zu dem auch Public Viewing und Live-Musik gehören, erscheint uns stimmig. Aber Luft nach oben ist allemal – viel mehr als bei der Panade beim Schnitzel.
Hofbräu im Deutschen Theater, Schwanthalerstraße 13, 80336 München, Telefon: 089/51519233, Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 17 bis 0 Uhr, Freitag 17 bis 1 Uhr, Samstag 11.30 bis 1 Uhr, Sonntag 11.30 bis 0 Uhr, warme Küche bis 23 Uhr
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit vielen Jahren auch online. Mehr als ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.
Welches Restaurant, welches Gasthaus in München ist wirklich einen Besuch wert? Seit 50 Jahren testen das die Gastrokritikerinnen und -kritiker der SZ. Natürlich anonym, unbestechlich – und manchmal mit ein wenig krimineller Energie. Die schönsten Anekdoten zum Geburtstag.