Kolumne „Schön doof“„Das hast du dir verdient!“

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Einfach abtauchen im August? Geht kaum noch ohne gönnerhafte Sprüche.
Einfach abtauchen im August? Geht kaum noch ohne gönnerhafte Sprüche. IMAGO/Retamosa Stock

Einfach nur einen „schönen Urlaub“ zu wünschen, reicht offenbar nicht mehr. Über die neue Gönnerhaftigkeit in einer verunsicherten Gesellschaft.

Kolumne von Max Scharnigg

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„Danke für Ihre E-Mail. Ich befinde mich im wohlverdienten Sommerurlaub und bin erst ab 11. August wieder im Büro“. So steht es in der Abwesenheitsnotiz und legt den Finger damit ganz unbeabsichtigt auf eine Sprachmode, die harmlos aussieht, aber womöglich viel über die mentale Angeschlagenheit unserer Gesellschaft verrät, nennen wir sie mal: die neue Gönnerhaftigkeit. „Das sei dir gegönnt“, oder in der jungen Form „Gönn dir!“ hat als Begriff Konjunktur. Kommt ein Überstundenabbau im Büro zur Sprache oder eine schöne Reservierung zum Abendessen, findet sich zuverlässig jemand, der diese Pläne gönnerhaft absegnet. Gerne auch bei den entsprechenden Fotos auf Instagram, wo Wildfremde sich in den Kommentaren gegenseitig Urlaubserlebnisse gönnen. Steigerung: Habt ihr euch verdient! Gerne auch noch gefolgt von dem immer etwas kategorischen: Genießt es!

Alles Floskeln der übergriffigen, neuen Gönnerhaftigkeit, die wie freundlicher Smalltalk klingen sollen, aber eigentlich eine bemerkenswerte Hierarchie voraussetzen. Wer anderen etwas gönnt, beansprucht ja stillschweigend das Recht, auch mal nicht zu gönnen. Der Gönner sitzt immer ein wenig höher und verteilt sein Wohlwollen gewissermaßen wie eine milde Obrigkeit. Freundlich gemeint, gewiss, aber eben von oben herab. Noch ergiebiger ist die zweite Standardformel: „Das hast du dir verdient.“ Auch sie klingt vordergründig nach Anerkennung. Aber wer feststellt, etwas sei verdient, nimmt für sich in Anspruch, über Verdienst urteilen zu dürfen. Den Kollegen oder Nachbarn „Schönen Urlaub!“ zu wünschen, reicht offenbar nicht mehr, der Urlaub muss heute auch von Unbeteiligten moralisch abgenickt werden.

Gleichzeitig führen dieses offensive Gönnen und die ungefragten Verdienstbescheinigungen anderer bei einem selbst ja insgeheim eher zu Skepsis: Huch, hab ich mir das wirklich verdient? Gönne ich mir das zu Recht oder ist das jetzt doch unmäßig? Statt Freundlichkeit verbreitet das allgemeine Gegönne bei vorsichtigen Naturen also eher Selbstzweifel. Das Ärgerliche daran ist, dass diese Sprache sich für besonders wertschätzend hält. In Wahrheit erzählt sie aber von einer verunsicherten Gesellschaft, die selbstverständliche Dinge nicht mehr als selbstverständlich empfindet. Erholung gilt nicht mehr als Recht, sondern als Ausnahme, Genuss steht unter Rechtfertigungsvorbehalt.

Inzwischen haben wir es offenbar selbst auch so verinnerlicht, siehe das „wohlverdient“ in der Abwesenheitsnotiz. Eigentlich totaler Wahnsinn, diese vorsorgliche Selbstlegitimierung. Aus Angst vor Neid? Aus Angst, egoistisch zu wirken? Oder, und das wäre die traurigste Vermutung: Wir müssen es uns selbst schon auf diese Art hinschreiben und einbimsen, dass wir den Urlaub wirklich wert sind und ein paar schöne Tage verdient haben. Schluss damit!

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