Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“Eiswürfel zum Frühstück

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Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff.
Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff. Lorenz Mehrlich

Während die einen die Wohnung nicht mehr verlassen und Klimaangst bekommen, versucht unsere Kolumnistin noch, den Sommer zu genießen. Ihr Problem: leichte Hitzescham.

Von Friederike Zoe Grasshoff

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Ich sitze in meinem Wohnzimmer im dritten Stock eines sanierungsbedürftigen Altbaus und traue mich nicht, die Fenster zu öffnen. Das liegt weniger an der Großbaustelle gegenüber, wo hoffentlich kühle Wohnungen entstehen, als an der Großlage namens Wetter und den 32 Grad da draußen. 32 Grad, die sich schnell wie 38 anfühlen, wenn ich gleich über versiegelte Flächen radele, um meine vierjährige Tochter von der Kita abzuholen. Meine mutmaßlich erhitzte Tochter, für die es zur normalsten Sache der Welt geworden ist, nachmittags in einen Seitenarm der Isar zu springen, weil ihre Eltern sich dringend abkühlen müssen und ansonsten unerträglich sind. Die gern schon morgens Eiswürfel isst und nach nicht so fettiger Sonnencreme verlangt.

32 Grad, das klingt im August des Jahres 2026, in dem die Erderwärmung wohl für jeden Europäer greifbar wurde, nach gar nicht so viel. Ja, das klingt fast schon nach dem klimatischen Lichtblick, den gerade so viele herbeisehnen. Obschon geboren in den Achtzigern und sozialisiert in einem Umfeld, in dem es episch über das Ozonloch und die Frage ging, in welche Welt man da eigentlich Kinder gesetzt hatte, frage ich mich viele Jahre später: Wurde eigentlich jemals mehr über das Wetter gesprochen als heute?

Wenn ich etwas über meine quer über das Land verstreuten Freunde weiß, dann, wie es ihnen mit dem Wetter geht. Ich habe eine Freundin, die während der ersten Hitzewelle Ende Juni sehr reelle Klimaangst entwickelte, Ventilatoren im Schlafzimmer postierte und sich sorgt, dass dieser Zustand nun immer extremer wird, für sie, für ihre Kinder, deren Kinder. Ich kenne Leute, die die Tage lieber drinnen verbringen, weil sie Babys haben. Und ein enger, in Freiburg lebender Freund erzählte mir neulich, dass seine gesamte Familie sich nur noch nackt durch die Wohnung bewegt, verfluchter Sommer. Früher sonnte er sich immer auf dem Blechdach unserer WG.

Und dann – jetzt wird es etwas komplizierter – gibt es die Menschen, die noch immer am gelernten Sommernarrativ festhalten: dieser Jahreszeit, die man doch genießen muss, allem berechtigten Alarm zum Trotz. Ich verspüre leichte Hitzescham, aber ich bin so ein Mensch. Noch zumindest.

Seit Mai wohne ich quasi im Freibad

So wie ich mich als Kind über die Schwimmhäute an den Zehen und blaue Lippen gefreut habe, wenn meine Mutter mich nach Stunden aus dem Wasser zog, liebe ich es viele Klimawandeljahre später, aus unserer überhaupt nicht mehr abkühlenden Wohnung ins Freibad zu flüchten. Wo ich seit Mai quasi wohne. Denn 32 Grad, das klingt in meiner Elternwelt eben auch nach einem weiteren Sommertag, an dem ich meiner Tochter dabei zuschaue, wie sie schwimmen lernt, von Badestegen springt und abends in ein Handtuch gewickelt im Fahrrad einschläft.

„Mama, wieso liegen da so viele Blätter auf der Wiese?“, fragte sie mich neulich. Ja, und wieso ist es immer so warm? Das sind so die schneidenden Fragen zwischen Eis und Sommerleben. Und wenn das Kind ein paar Jahre älter ist, wird man sehr explizite Antworten geben müssen.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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