Picasso und die Frauen – eine komplexe Geschichte. Er verehrte, liebte, vergötterte sie. Doch wurden sie ihm zu eigenständig, schlug seine Verehrung nicht selten in Verachtung und Tyrannei um. Seine Beziehung zu Frauen – und davon gab es einige in diversesten Verhältnissen und mitunter auch parallel – war toxisch. Zugleich waren sie ihm auch Musen, die ihn inspirierten und die er vielfach zeichnete und malte.
Auch wenn das Thema im Cavazzen Museum in Lindau nicht zentral ist, kann die Ausstellung „Picasso. Handmade“ doch mit einem hübschen Beziehungsreigen des Malers zu seinen Frauen, zu seinen Musen und Modellen aufwarten. Auf der einen Seite eines langen Ganges hängen Fotos des berühmten Künstlers im Wandel der Zeit. Auf der anderen im Loop Fotos der realen Frauen sowie seine Zeichnungen, oft Entwürfe für später weltbekannte Gemälde. Dora Maar etwa, eine erfolgreiche Fotografin mit dunklem Haar, die Picasso oft als „Weinende Frau“ interpretierte. Oder Marie-Thérèse Walter, erst 17 Jahre alt, als sie Picasso kennenlernte, und blondhaarig, die auf Gemälden meist in lichten, hellen Farben von ihm dargestellt wurde.
Und nicht zu vergessen, das berühmte Bildnis von Sylvette David, entstanden 1954. Mit ihrem langen, schmalen Gesicht, dem zum Pferdeschwanz hochgebundenen Haar und dem markanten Pony mit den Schillerlocken an der Seite wurde sie zum Vorbild vieler Backfische der Sechzigerjahren. Angeblich auch zur Vorlage für Brigitte Bardot in dem Film „Und immer lockt das Weib“ von 1956. Die Ähnlichkeit in der Aufmachung ist jedenfalls frappant.
Im Zentrum der Ausstellung im Cavazzen, einem umfangreich sanierten und im vergangenen Jahr erst wiedereröffneten prächtigen Barockpalais am Marktplatz von Lindau, das das Stadtmuseum beherbergt, aber steht die Begegnung von Zeichnungen und Keramiken Picassos. Mehr als 90 Werke – teils aus internationalen Museen, teils selten gezeigte Arbeiten aus Privatsammlungen – sind hier zu sehen.
Da gibt es frühe Skizzen, Werke aus der Blauen Periode und solche aus der Zeit des Kubismus. Zudem bemalte und gebrannte Vasen, Schalen und Gefäße, die im Spätwerk vor allem im südfranzösischen Vallauris entstanden sind. Reizend der „Faunskopf“ von 1947, die große Terrakottavase „Grand Vase aux Femmes Voilées“ oder die mit lustigen Gesichtern bemalten Krüge. Und auch eine der seltenen Keramik-Tauben Picassos findet sich in der Ausstellung.
Lebenslang interessierte sich der Spanier für den Stierkampf in allen seinen Facetten. Er besuchte nicht nur regelmäßig selbst die Corrida, sondern hielt die Szenerie in Zeichnungen, Keramiken und Druckgrafiken fest. Und so zeigt Lindau neben einigen mit Stierkampfszenen bemalte Keramiken auch die 26 beeindruckenden Aquatinta-Radierungen aus der Serie „La Tauromaquia“ von 1957, die die ganze Faszination Picassos für das Sujet zum Ausdruck bringt.
Picasso. Handmade – Zeichnungen und Keramiken, Cavazzen Museum Lindau, bis 1. November 2026
Seine Bildsprache ist so populär wie sein Name unverwechselbar: Friedensreich Hundertwasser. In seine vielfältige und bunte Welt taucht man in der aktuellen Ausstellung im Kunstforum Hundertwasser in Lindau ein. Etwa 100 Originalgrafiken sind dort unter dem Titel „Die Kunst der Vielfalt“ ausgestellt. Und die Schau hält, was der Titel verspricht. Wer Hundertwasser liebt, wird entzückt sein. Doch auch wer ihm skeptisch gegenübersteht, muss anerkennen: Er hat hochkomplexe Druckgrafiken entworfen, die weit von dem Gedanken einer gleichförmiger Serialität entfernt sind. Ausschließlich Unikate wollte der Künstler schaffen, der sich zeit seines Lebens gegen das Diktat der geraden Linie aufbäumte.
Natürlich auch hier: verschlungene Linien und Spiralen, aus denen sich Menschen, Tiere, Städte und Landschaften farbintensiv und leuchtend herausbilden. Manchmal klar erkennbar, mitunter wie ein Suchspiel zu enträtseln, weil die Perspektive so absonderlich ist oder die Farbgebung das Wirrwarr an Linien noch wilder wirken lässt. Einen ersten Eindruck erhält man gleich zum Auftakt der Schau bei dem knalligen Selfie-Spot, wo man sich dank riesiger Leuchtkästen physisch in die architektonische Welt des Friedensreich Hundertwasser stellen kann.
Um wie viel komplizierter muss es aber gewesen sein, diese Bildwelten mit drucktechnischen Verfahren zu erschaffen. Und mit wie viel Kreativität und Sorgfalt der Künstler dabei vorging, zeigt diese Schau aufs Schönste.
Als sich der 1928 als Friedrich Stowasser in Wien geborene Künstler in den Siebzigerjahren der Grafik zuwandte, begnügte er sich nicht mit einer Technik. Er wollte die Grenzen ausloten. Nutzte Lithografie, Siebdruck, Radierung, Farbholzschnitt und andere, experimentierte mit Metallpigmenten, phosphoreszierenden und fluoreszierenden Farben, reflektierendem Glasstaub und elektrostatischer Beflockung. Das lässt sich in der Siebdruck-Serie zu den Olympischen Spielen München 1972, gedruckt 1986 in Kyoto und mit Metallprägungen versehen, sehr schön erkennen.
Hundertwasser arbeitete mit Druckern aus der ganzen Welt zusammen, um durch den Einsatz verschiedener Farben und Formen und durch Mehrfachdrucke jedes Blatt zu einem Unikat zu machen. So war er einer der ersten europäischen Künstler, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden. Und trotz der außerordentlichen Erfahrung der japanischen Holzschneider und -drucker stellte er sie mit seinen hohen Anforderungen wohl mehr als einmal vor neue Herausforderungen. Doch die Ergebnisse sind wunderbar. Im vergangenen Jahr erwarb die Bayerische Staatsbibliothek eine der Serien, die Hundertwasser in ebenso aufwendig gestalteten Kassetten von japanischen Holzschneidern drucken ließ.
Staatsbibliothek erwirbt seltene Farbholzschnitte
:Wie Hundertwasser nach München kam
Die Bayerische Staatsbibliothek in München ersteigert eine Mappe mit Farbholzschnitten von Friedensreich Hundertwasser und erweitert ihre Künstlerbuch-Sammlung um ein zentrales Werk des Österreichers.
Bemerkenswert ist auch, dass der Künstler jedes Detail des Entstehungsprozesses offenlegte. Von seiner Signatur und Werktitel mit -nummer über Exemplarnummer, Auflagenhöhe, Datum und Ort der Signatur, bis hin zur Nennung von Verlegern, Druckern, Papier- und Farbenfabrikanten und weiteren Details. Und das alles nicht irgendwo, sondern geprägt, gestempelt oder gedruckt direkt auf dem Weißraum, der die Bildmotive auf der Vorderseite umgibt. Auch hierin fand Friedensreich Hundertwasser seinen ganz eigenen Stil.
Plustert sich mächtig auf: „Visitant (no dancing 2020–2021)“ von Cyprien Gaillard in der Ausstellung „When you expect flutes, it’s whistles“ im Kunsthaus Bregenz. Timo Ohler / Berlin Atonal, Sprüth Magers, Gladstone Gallery / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere noch daran, wie Cyprien Gaillard vor einigen Monaten das Haus der Kunst mit seiner „Wassermusik“ erfüllte? Neben Objekten, Installationen und Interventionen war damals auch der Film „Retinal Rivalry“ zu sehen, in dem man unter anderem durch die Augen der Bavaria verstörende Blicke auf die Theresienwiese erhielt.
Nun bespielt der französische, in Berlin lebende Künstler das Kunsthaus Bregenz (KUB) mit der Ausstellung „When you expect flutes, it’s whistles“. Schon im Titel klingt an, dass Musik eine zentrale Rolle spielt – indem sie die Erwartungshaltung der Besucherinnen und Besucher unterläuft. Wer im richtigen Moment das KUB betritt, erlebt das unmittelbar. Und zwar sicht- und hörbar.
Dort bläht sich zu jeder halben und vollen Stunde „Visitant“, eine riesige, weiße Skulptur, wie man sie von Events vor Möbel- und Autohäusern kennt, auf, quetscht sich an die Decke, fällt in sich zusammen und tanzt, angetrieben von einem an- und abschwellenden Gebläse zu einer von Gaillard programmierten Choreografie. Und wer die Monster-Lautsprecherwand daneben nicht schon vorher bemerkt hat, tut dies spätestens jetzt, wenn ein Mix aus Bach’schen Toccaten und harten Beats ertönt. Das aus Japan stammende in Deutschland in den Nullerjahren vor allem in der Berliner Clubszene etablierte Killasan Soundsystem mit einer Leistung von knapp 25 Kilowatt bläst einen fast weg. Herrlich!
In den Stockwerken darüber geht es ebenfalls um klassische Musik, allerdings um ihren Einsatz an öffentlichen Orten, um unliebsame Aufenthalte zu verhindern. „Sanfte Waffe“ nennt man das dann recht euphemistisch. Der dazugehörige Bilderreigen in dem unglaublich guten und dichten Film „Deterrent“ führt an Unorte wie den Parkplatz eines Supermarkts der Kette 7-Eleven. Willkommen rund um die Uhr? Nur für zahlende Kunden. Aber gedreht wurde in verschiedenen Städten weltweit und zu unterschiedlichsten Gegebenheiten, so auch an Drogenumschlagplätzen, an Kanalisationen, in Städten und in der Natur.
Und schließlich spielt im Film wie auch in anderen Bereichen der Ausstellung die Sage des „Rattenfängers von Hameln“ eine große Rolle. Welche? Nun der Titel deutet es an. Aber was Cyprien Gaillard daraus macht, ist unbedingt sehenswert.
Cyprien Gaillard: When you expect flutes, it’s whistles, Kunsthaus Bregenz, bis 4. Oktober 2026
:Die Sinne anregen: Diese Ausstellungen locken rund um München
Kunst, Geschichte, nostalgische Erinnerungen: Die Museumslandschaft der Region um München ist erstaunlich vielfältig und eng vernetzt. Jetzt ist die beste Zeit, sie im Rahmen einer „Landpartie“ zu erkunden.