Wer winkt, trägt sein Herz auf der Hand. Foto: Vera Loitzsch
Ob vom Ausflugsdampfer, der Autobahnbrücke oder dem Bildschirm: Wer winkt, macht sich glücklich. Und wer zurückwinkt, erst recht. Über die wohl schönste Geste der Menschheit.
Ich bin eine Winkerin. Ich winke, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Winken macht mich glücklich – sofern mir jemand zurückwinkt. Das ist meine heimliche Neigung, eine Selbsttherapie, um mich zu motivieren, wenn das Leben in Grautönen vor sich hin düstert. Ich winke dem Fensterputzer zu, der an den Scheiben des Bürogebäudes gegenüber wienert, Touristen auf Ausflugsdampfern, Kindern im Bus, Skifahrern vom Sessellift aus, dem Kranführer hoch oben in seiner Kanzel. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit winken sie zurück. Und jedes Mal, wenn das passiert, hellt sich mein Gemüt auf.
Mein Gefühl ist nicht einzigartig, es lässt sich biologisch erklären: Soziale Interaktionen wie das Winken aktivieren das Belohnungssystem, der Körper schüttet Dopamin und Oxytocin aus – das Hormon, das auch »Kuschelhormon« genannt wird. Schon ein flüchtiges Winken kann zu einer Glücksmaschine werden. Denn die meisten Menschen winken zurück, Winken wirkt ansteckend wie ein nettes Virus. Das hat mit unseren Spiegelneuronen zu tun, wie der Neurowissenschaftler Giacomo Rizzolatti gezeigt hat. Sie helfen uns, Handlungen anderer zu verstehen und darauf zu reagieren – etwa indem wir automatisch zurückwinken. Winken ist wie Lächeln, nur mit der Hand. Schon Kinder lernen diese Geste früh – und sie macht sie froh: Ich bin hier, ich werde gesehen!
Evolutionsbiologen vermuten, dass sich Winken aus frühen nichtbedrohlichen Bewegungen entwickelt hat: eine offene, leere Hand als Signal – ich komme ohne Waffen. Winken baut Aggressionen ab und Nähe auf. Wer winkt, zeigt sich. Wer zurückwinkt, erkennt an. Und was hat die Menschheit schon gewinkt! (Gewunken ist übrigens ebenfalls korrekt.) Päpste von der Loggia des Petersdoms, Könige aus Kutschen, Politiker und Stars von Bühnen oder roten Teppichen. Donald Trump winkt von überall. Ihr Winken gilt nicht dem Einzelnen, sondern der Masse. Es schafft Nähe bei gleichzeitiger Distanz.
Winken baut Aggressionen ab und Nähe auf
Man winkt bei Begrüßungen oder Abschieden, den Kreuzfahrtschiffen beim Auslaufen zu, in Fernsehkameras, die gerade live übertragen. All dieses Gewinke sagt das Gleiche: Wir wollen miteinander in Kontakt treten. Der französisch-schweizerische Philosoph Jean-Jacques Rousseau hielt die Natur des Menschen für grundsätzlich gut. Bevor Gesellschaften Hierarchien ausbildeten, meinte Rousseau, waren Menschen auf gegenseitige Anerkennung angewiesen. Das Winken ist eine Miniausgabe dieser Anerkennung: Für einen Moment werden zwei Menschen eine Einheit.
Aber Winken birgt auch ein Risiko: Es kann unbeantwortet bleiben oder missverstanden werden. Gerade darin liegt auch das Spiel, finde ich. Vielleicht liegt darin auch mein persönliches Glück. Ich setze auf den gelungenen Ausgang dieser Situation, hoffe, dass mir der andere wohlgesinnt ist. Meistens bestätigt sich das: Der Fensterputzer winkt vergnügt zurück, der Kranführer hebt kurz die Hand, das Kind im Bus wedelt mit beiden Händen, als hätte ich ihm einen geheimen Auftrag erteilt. Für einen Moment sind wir Komplizen, verbunden über eine kleine Geste.
Am besten funktioniert mein Instant-Glück-Gewinke an einem Ort, an dem es nicht zu Missverständnissen kommen kann, wer mit dem Winken gemeint ist: auf der Fußgängerbrücke über einer Autobahn. Ich möchte hier nicht zum kollektiven Autobahn-Winken aufrufen, weil jedes Stören des Verkehrs gemäß Straßenverkehrsordnung verboten ist. Aber wenn ich mit meinem Sohn bei unserem liebsten Waldspaziergang auf der Fußgängerbrücke über der Autobahn winke, winken fast alle in den vorbeifahrenden Autos zurück. Ich schaffe es kaum, meinen Sohn von der Brücke wegzubringen. Seine Begeisterung erinnert mich an einen schönen Tag der Deutschen, als sie ihre Freude zuerst aus pastellfarbenen Trabis herauswinkten, dann auf der Berliner Mauer stehend: Wer winkt, trägt sein Herz auf der Hand.
Nur Menschen winken, Tiere nicht – weil der Mensch das Konzept des »Wir« versteht
Nach der Pandemie hat das Winken noch eine neue Bühne gefunden: den Bildschirm. In Videokonferenzen wedeln wir mit den Händen in die Kamera, statt ein müdes »Guten Morgen« oder nach getaner Arbeit ein »Tschö« ins Mikrofon zu raunen. Dann lieber mit flatternden Fingern die schönste Geste der Menschheit loswerden, wie Kinder, die ihren Eltern bei einer Karussellrunde zuwinken: Hallo, hier bin ich, seht ihr mich, ja, ich sehe euch auch! Mich erinnern die Kacheln im Computer dann an eine Reihe Winke-Katzen in einem Asia-Restaurant – und die heißen nicht umsonst Glückskatzen. Das digitale Winken ist oft asynchron und unbeholfen. Aber sein Zweck liegt auf der Hand. Der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan hätte seine Freude daran gehabt – das Medium verändert die Geste, aber nicht ihr Bedürfnis.
Nicht jedes Gewinke verspricht Glück. Man kann auch mechanisch winken, schüchtern, ironisch, herablassend, überheblich, trotzig, wütend. Oder traurig, zum Abschied. Für Pubertierende ist es peinlich, wenn die Eltern dem Bus zur Klassenfahrt hinterherwinken. Aber das freundliche Winken unter Fremden – ein Moment, in dem Menschen sich für den Bruchteil einer Sekunde etwas Gutes tun – trägt das in sich, was der Soziologe Hartmut Rosa »Resonanz« nennt: eine wechselseitige Berührung ohne Besitzanspruch. Zwei Menschen geraten in Schwingung, ein kurzer Stepptanz der Sinne, eine Hebefigur der Gefühle. Versuchen Sie es: Die Welt wird ein wenig freundlicher, man selbst glücklicher, dunkle Tage heller. Also dann: Bis bald, auf Wiedersehen, winke, winke!
Illustration: Grafilu
Kerstin Greiner hatte ein besonders schönes Wink-Erlebnis im vorigen Sommer beim Rave »Berlin, Beats & Boats«: Fünf Schiffe mit Techno-DJs schipperten die Spree bis zum Müggelsee hin und zurück. Und jeder Mensch am Ufer erwiderte das Winken: Picknickende, Kinder, Senioren von den Balkonen ihrer Wohnheime, es waren Hunderte. Die Strecke ist etwa 40 Kilometer lang.