Die kleine WeinschuleWas versteht man unter Bio- und biodynamischem Weinbau?

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Illustration: Lisa Hingerl

Ist jeder Bio- auch ein Naturwein und Biodynamisch nur ein anderes Wort für Hokuspokus? Johanna Döring von der Hochschule Geisenheim besitzt weltweit die einzige Professur für ökologischen Weinbau und gibt Antworten.

Protokoll von Verena Haart Gaspar

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»Bio und biodynamisch – das klingt ähnlich, und ehrlich gesagt ist der Unterschied auch gar nicht so riesig. Was heißt das konkret? Es werden bei beiden Anbauweisen keine chemischen Spritzmittel eingesetzt, keine Unkrautvernichter, kein künstlicher Dünger. Aber auch Biobetriebe müssen ihre Reben und Trauben irgendwie gegen Krankheiten und Schädlinge wie Mehltau und die Reblaus schützen – nur eben mit natürlichen Mitteln, die leider nicht ganz so zuverlässig wirken wie chemische. In schlechten Jahren kann es daher in Biobetrieben zu Ernteverlusten kommen, die ein konventioneller Betrieb so nicht hätte.

Beim biodynamischen Weinbau kommt noch eine Ebene dazu – und die klingt erstmal ein bisschen esoterisch. Der Ursprung geht auf Rudolf Steiner zurück, den Begründer der Waldorfpädagogik, der 1924 in einem landwirtschaftlichen Kurs die Grundlagen der biodynamischen Landwirtschaft formuliert hat. Dabei spielen jahreszeitliche und kosmische Rhythmen eine Rolle, Planetenkonstellationen können zum Beispiel den Erntezeitpunkt beeinflussen. Und dann gibt es diese Präparate – Heilkräuter, die in tierischen Gefäßen wie zum Beispiel Kuhhörnern im Boden vergraben werden. Wir forschen in Geisenheim seit mehr als 20 Jahren dazu. Die Ergebnisse sind ehrlich gesagt nicht eindeutig: Wir sehen Effekte, aber die sind nicht riesig. Was biodynamische Betriebe aber vor allem auszeichnet: Das Weingut als Organismus. Alles hängt zusammen. Die Betriebe nutzen unter anderem den Mist von den eigenen Tieren zum Düngen und die Begrünung in den Rebzeilen fördert die Artenvielfalt.

Ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält: Bio und biodynamisch bedeuten nicht automatisch Naturwein. Naturwein ist ein eigener und ungeschützter Begriff ohne einheitliche Definition und festen Kriterien. Im Allgemeinen sind damit Weine gemeint, die kaum durch kellertechnische Maßnahmen verändert wurden. Man sagt zwar landläufig, dass Naturweine aus biologisch erzeugten Trauben gemacht werden sollten – aber auch das ist kein hartes Kriterium. Kurz gesagt: Nicht jeder Biowein ist ein Naturwein, und nicht jeder Naturwein ist zertifiziert Bio.

Was den Bioweinbau im Keller ausmacht: Biowein enthält weniger Schwefel – aber anders als in Amerika darf in Europa durchaus welcher zugesetzt werden. Besonders im biodynamischen Weinbau wird zudem auf Reinzuchthefen verzichtet und stattdessen spontan vergärt. Das bedeutet, dass die Gärung nur mit den Hefen abläuft, die sich natürlich auf den Traubenschalen oder im Keller befinden. Das passiert dann langsamer, unvorhersehbarer, und man muss die Gärung sorgfältig begleiten. Im besten Fall entsteht aber auch ein komplexerer und vielschichtiger Wein. Grundsätzlich möglich ist Spontangärung aber auch im konventionellen Weinbau – es ist keine Frage des Anbausystems, sondern der Philosophie im Keller. Aus wissenschaftlicher Sicht können wir aber nicht sagen, dass bio und biodynamische Weine grundsätzlich anders schmecken als solche aus konventionellem Anbau.

Was wir in unserer Forschung aber eindeutig erkennen: Reben aus Bio- oder biodynamischem Weinbau kommen langfristig besser mit Trockenheit zurecht. Für die Zukunft bedeutet das aus meiner Sicht, dass bio und biodynamischer Weinbau alternativlos sind.

Übrigens: In Deutschland wächst der Bioweinbau seit 20 Jahren. Heute sind knapp 16 Prozent der Rebflächen ökologisch bewirtschaftet und zertifiziert – von Verbänden wie Bioland, Ecovin (für Bioweine) oder Demeter und Biodyvin (für biodynamische Weine).

Wer ökologisch arbeitet, sollte das auch nachweisen lassen. Viele konventionelle Weinbaubetriebe haben mittlerweile Methoden aus der Biobewegung übernommen, setzen Begrünungen ein, verzichten unterm Rebstock auf Herbizide – und das freut mich natürlich.«

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